"Raubtier" Microsoft und Open Source
Die angestrebte Einigung im Microsoft-Kartellprozess geriet bei der gestrigen Anhörung vor dem Justizausschuss des Senats ins Kreuzfeuer von Industrie und Komiteemitgliedern.
Allgemein wird bezweifelt, dass der Kompromissvorschlag Microsoft in Zukunft von einem Ausbau seiner Monopolstellung abhalten wird.
Im Interesse der Kunden
Ein Microsoft-Anwalt bezeichnete den Kompromiss als teure und
schwere Bürde, die das Unternehmen aber im Interesse der Kunden und
Geschäftspartner zu tragen bereit sei.
Microsoft hält an Windows-Integration fest"Digitale Spaltung der Bevölkerung"
Der geladene Zeuge Matthew Szulik, CEO der Linux-Software-Firma Red-Hat, empfahl dem Komitee, den Vergleich als nicht ausreichend abzulehnen.
Bei seiner Argumentation attackierte er Microsoft vor allem mit deren eigenen Waffen.
So wies er etwa darauf hin, dass für viele Schulen und Universitäten die Microsoft-Lizenzen schlicht unerschwinglich seien und eine Monopolstellung die digitale Spaltung der Bevölkerung fördere.
"Microsoft fürchtet Open Source"
Es sei zudem nicht zu erwarten, dass Microsoft unter den laxen
Direktiven des Kompromisses sein Verhalten ändere. Dazu fürchte
Microsoft die Open-Source-Bewegung viel zu sehr.
Kartellstreit: Forderungen "extrem und nicht angebracht""Unamerikanisch", "Krebsgeschwür"
Zum Beweis führte Szulik Äußerungen von Microsoft-Prominenz wie Steve Ballmer und Jim Allchin an, die Linux als Krebsgeschwür und Open Source als "unamerikanisch" sowie als Gefahr für geistiges Eigentum bezeichnet hatten.
Er zitierte den Generalstaatsanwalt von Massachusetts, Thomas Reilly: "Fünf Minuten nach der Unterzeichnung eines Abkommens denkt Microsoft schon darüber nach, wie man es ungestraft verletzen kann. Das sind Raubtiere."
"Typische Taktiken"
Auch andere Aussagen schlugen in dieselbe Kerbe. So berichtete
etwa Mitchell Kertzmann, früher CEO bei Sybase und Powersoft, von
typischen Taktiken, mit denen Microsoft unliebsame Technologien
unterdrückt. So sei ein Vertrag seiner Firma Liberate mit Digital
Equipment [DEC] zur Entwicklung von Thin Clients geplatzt, nachdem
Microsoft gedroht hatte, Windows NT nicht auf DEC-Hardware zu
portieren, falls Digital Thin Clients entwickle. Solche Praktiken
könne auch der jetzige Einigungsvorschlag nicht verhindern.
US-Bundesstaaten fordern "Windows light"In Sachen öffentlicher Meinung
Die vorgetragenen Argumente scheinen den Eindruck auf den Untersuchungsausschuss nicht verfehlt zu haben. So räumte der Vorsitzende des Hearings, Senator Leahy, ein: "Ich finde viele Bestimmungen des Vergleichs entweder reichlich vage oder leicht zu umgehen oder beides."
Unmittelbare Auswirkungen auf das laufende Kartellverfahren hat die Anhörung zwar nicht, der Senatsausschuss kann lediglich Empfehlungen aussprechen.
Insgesamt bläst jedoch Microsoft der Wind der öffentlichen Meinung immer mehr ins Gesicht.
