Wiener Pop-Geografie
Musikalisches Geoblogging: Das Videoblog They Shoot Music Don't They verbindet selbst produzierte Musikvideos von österreichischen und internationalen Bands und Musikern wie Rotifer, Chikini und Final Fantasy mit Stadtansichten aus Wien.
Girls in Hawai auf dem Dach der Stadtbibliothek am Urban-Loritz-Platz, Get Well Soon am Donaukanal, Ken Stringfellow mit Gitarre auf dem Yppenplatz und Two Gallants im Erdberger Industriegebiet sind nur einige Beispiele aus der mittlerweile auf rund 50 Videos angewachsenen Clip-Sammlung des Wiener Musikvideoblogs They Shoot Music Don't They, das seit März dieses Jahres markante Orte aus Wien mit Sounds aus aller Welt verknüpft.
Das Konzept ist einfach und scheint aufzugehen: Bands, die sich gerade in der Stadt aufhalten, werden zu einem Straßenkonzert gebeten, das mit einer Kamera dokumentiert wird und wenige Wochen später im Netz landet. Mittlerweile verzeichnet They Shoot Music Don't They bis zu 1.000 Besucher am Tag.
Ohne Glamour und Blendwerk
Effekthascherei steht bei den Clips nicht im Vordergrund. Die Aufnahmen werden zwar nachbearbeitet. Das beschränke sich aber auf die Korrektur der Farben und die Minderung von Störgeräuschen, meint Matthias Leihs, der die Clips gemeinsam mit Sarah-Antonia Brugner, Michael Luger und Simon Brugner produziert: "Unser Anliegen ist es, die Musikvideos, die sonst von sehr viel Glamour und Blendwerk überhäuft sind, wieder so zu reduzieren, dass der Künstler mit seiner Musik übrig bleibt."
Stadtansichten auf Google Maps
Über eine von Google Maps bezogene Wien-Karte können die musikalischen Stadtansichten auf dem Weblog angesteuert werden. "Man bekommt zu jedem Künstler auch ein Stück Wien mit", erklärt Leihs. Nach Möglichkeit sollen die von den Musikern gespielten Nummern mit den Locations harmonieren.
Die Auswahl der Künstler obliegt dem Viererteam. Den Begriff "Indie" empfinde man als problematisch, da er "sehr diffus konnotiert" sei, so Leihs. Absagen gebe es, aber ein guter Teil der angefragten Bands habe zugesagt.
Die Clips werden als Flash-Video [1.440 KBit/s, 96 KBit Audio] angeboten. Registrierte Nutzer können sich die Videos auf They Shoot Music auch als DivX-Files [1.800 KBit/s, 160 KBit Audio] herunterladen.
Geoblog-Prototyp
Die Blogging-Software, die bei They Shoot Music zum Einatz kommt, wurde von Leihs entwickelt. Metaspots, so der Name der Applikation, verbindet Postings mit geografischen Metadaten und Mediendateien.
Gängige Weblog-Tools seien primär chronologisch und nach Kategorien geordnet, könnten jedoch keine räumlichen Koordinaten in dieser Form ins Interface integrieren, erläutert Leihs. Für die Entwicklung verwendet er das offene Web-Application-Framework Ruby on Rails mit einer Erweiterung namens Hobo. Die zeichne sich vor allem durch die interessante Template-Sprache DRYML aus, so Leihs.
Die Entwicklung der Open-Source-Software wird von der Förderaktion "Netidee" der Internet Privatstiftung Austria [IPA] unterstützt. Eine erste Release-Version des Blogging-Tools soll in einigen Wochen zum Download bereitstehen.
~ Link: Ideen zur Internet-Sicherheit gesucht (../http://www.fuzo-archiv.at/?id=275652v2) ~
Podcast und Webradio geplant
In weiterer Folge sollen die Videos auch als Podcast zur Verfügung stehen. Auch ein Webradio mit den Audiospuren der Konzerte ist geplant. "Das hätte den Vorteil, dass wir auch auf MP3-Blog-Aggregatoren wie etwa Hypemachine gelistet werden", so Leihs.
Schon jetzt sind die Clips der Wiener Videoblogger auf YouTube und auf den Seiten der gefilmten Künstler auf MySpace abrufbar.
Inspiration für das Wiener Musikvideoblog waren die "Take-Away Shows" der französischen Blogotheque, die seit April 2006 Clips von Straßenkonzerten aus Paris mit Künstlern von Arcade Fire bis hin zu dEUS über das Netz vertreiben. "Wir wollten dieses Konzept für Wien adaptieren", sagt Leihs.
Geschäftsmodell angedacht
Die Kosten für den Betrieb des Blogs werden derzeit von den Betreibern selbst getragen. Sollte der Traffic in den nächsten Monaten stark zunehmen, werde auch über eine Auslagerung des Hostings etwa zu Archive.org nachgedacht. Eine Lizenzierung der Clips unter einer Creative-Commons-Lizenz [non commercial] ist angedacht.
Erste Überlegungen zu einem Geschäftsmodell werden bereits angestellt. Vorstellbar sei etwa die Finanzierung des Blogs durch Werbung. Man wolle sich aber auch andere Optionen offenhalten, sagt Leihs.
Auch eine Kooperation mit der Wiener Veranstaltungsplattform Shnitzl.org ist in Arbeit. In "mittelferner Zukunft" soll es auf They Shoot Music Don't They begleitend zu den Videos auch einen mit Geodaten versehenen Event-Kalender geben.
Zum Thema:
~ Link: Das Assoziationskettenmassaker (../http://www.fuzo-archiv.at/?id=195063v2) ~
(futurezone | Patrick Dax)
