Bild: Screenshot, Baker, Kren

Brueghel, Pop und Video

17.04.2008

Die Wiener Studenten Mirjam Baker und Mike Kren haben ihre Videoexperimente auf YouTube veröffentlicht und machen nun Musikvideos für die Elektropop-Band Zoot Woman. Auch andere Musiker wie etwa Nine Inch Nails und Radiohead suchen für die Bebilderung ihrer Songs nach Talenten im Netz.

Baker und Kren waren für ein Animationsprojekt an der Fachhochschule St. Pölten auf der Suche nach der passenden Musik. Beim Bildmaterial waren die beiden Studenten bereits fündig geworden. Sie montierten Motive der Rennaissance-Künstler Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel zu einem kurzen Clip: "Weil darauf sehr viel los ist und weil die Bilder gemeinfrei sind", sagte Kren.

Schließlich entschieden sie sich für den Song "Taken It All" der britischen Elektropop-Band Zoot Woman. "Wir wollten ein Lied mit einem durchgehenden Beat", sagte Kren: Der Song habe sich angeboten. Das Ergebnis veröffentlichten sie auch auf der Online-Videoplattform YouTube.

Dort wurde schließlich auch die Band selbst auf den Clip aufmerksam. Anstatt gegen die Verwendung ihrer Musik in dem Video vorzugehen, zeigte sich die Band von dem surrealen Mix aus Renaissance-Motiven und Bildern von Fortbewegungsmitteln [Fahrrad, VW-Bus, Ballon] angetan.

Sie nahmen mit Baker und Kren per E-Mail Kontakt auf. Schließlich baten sie die beiden Studenten, das Bildmaterial für ihre jüngste Single "We Won't Break" neu zu arrangieren. Seither läuft das Video auf einschlägigen Online-Plattformen und auch im Musikfernsehen.

Screenshot: "We Won't Break"

Das Video wurde von Baker und Kren mit Hilfe der Programme Photshop und After Effects zusammengeschnipselt und montiert. Die Vorlagen dazu stammen von gemeinfreien Bildern von Bosch und Brueghel sowie von frei verfügbaren Fotos aus einschlägigen Photo-Sharing-Plattformen. Die Montage des Clips hat laut Kren rund eineinhalb Monate in Anspruch genommen.

Weitere Zusammenarbeit

"Geld haben wir keines bekommen", sagte Kren. Die Band habe derzeit keinen Plattenvertrag und veröffentliche ihre Songs auf dem vergangenen Jahre gegründeten Netzlabel und Musicblog Rcrd Label des ehmaligen Engadget- und Gizmodo-Bloggers Peter Rojas.

Die Rechte an dem Video verblieben bei Baker und Kren. Man sei jedoch über eine weitere Zusammenarbeit im Gespräch, so Kren. Gut möglich, dass demnächst wieder ein Song von Zoot Woman von den beiden Wiener Studenten illustriert werden wird.

Vergangene Woche wurden entsprechende Pläne mit der Band bei einem gemeinsamen Abendessen vor einem Konzert in Brüssel jedenfalls erörtert: Ein genaues Zeitfenster dazu gebe es allerdings noch nicht, so Kren.

Fans gestalten Videos

Nicht nur Zoot Woman suchen für die Gestaltung ihrer Musikvideos nach Talenten im Netz. Derzeit versuchen etwa auch die Musikindustrie-Dissidenten Nine Inch Nails und Radiohead die Kreativität der breiten Masse bei der bewegten Bebilderung ihrer Songs anzufachen.

Die US-Industrial-Rocker Nine Inch Nails, die ihr jüngstes Album "Ghosts I-IV" Anfang März unter einer Creative-Commons-Lizenz [Attribution Non-Commercial Share Alike] veröffentlichten, die die nichtkommerzielle Weitergabe und das Remixen der Tracks erlaubt, riefen wenig später über die Online-Videoplattform YouTube Interessierte dazu auf, Videos und visuelle Eindrücke zu den 36 Instrumentaltracks des Albums einzureichen.

900 Clips für Nine Inch Nails

Seither wurden fast 900 Clips unterschiedlichster Qualität auf die Seite geladen. NIN-Frontmann Trent Reznor sagte in einem ebenfalls auf YouTube veröffentlichten Video, er wisse zwar nicht, wohin die Aktion führen werde, sehe darin aber die Möglichkeit, über die übliche Künstler-Fan-Beziehung hinaus mit seinem Publikum zu interagieren.

Wenige Monate zuvor waren NIN mit ihrer damaligen Plattenfirma Universal Music aneinandergeraten, die ein Fan-Remix-Projekt der Band aus dem Netz nehmen ließ. Das Risiko, dass NIN-Fans Mash-ups mit Musik auf die Seite laden würden, an der Universal keine Rechte halte, sei dem Label zu hoch gewesen, schrieb der Musiker auf der Band-Website.

Animationswettbewerb von Radiohead

Auch die britischen Artrocker Radiohead, die im vergangenen Herbst ihr jüngstes Album "In Rainbows" zunächst ausschließlich im Netz gegen eine freie Spende zum Download anboten, setzen bei ihren Musikvideos auf die Kreativität ihrer Fans.

Noch bis zum 28. April können Interessierte Storyboards und Skizzen für Musikvideos zu Songs aus "In Rainbows" auf die Animations-Videoplattform aniboom laden. Die zehn besten Einreichungen sollen mit einem Budget von 1.000 Dollar ausgestattet und in der Folge in Form eines einminütigen Clips umgesetzt werden.

Dem Siegerprojekt winken schließlich 10.000 Dollar Produktionsbudget für ein Musikvideo in voller Länge sowie eine Beteiligung an den Umsätzen mit dem Clip.

Die Schaffenswut ihrer Fans hat die Band diese Woche auch in die US-Charts gebracht: Die Band veranstaltet derzeit auch einen Remix-Contest zu ihrem Song "Nude". Die jeweils als Einzelverkäufe gezählten ingesamt 60.000 Downloads der einzelnen Spuren [Gesang, Gitarre, Strings, Drums und Bass] des Songs reichten schließlich aus, um die Band in die US-Single-Charts zu befördern.

Maßgeschneiderte Videos für R.E.M.-Fans

Vergleichbar bescheiden nimmt sich der Versuch der US-Altrocker R.E.M. aus, die Musikvideoproduktion zu demokratisieren. Zur Promotion ihrer jüngsten Single "Supernatural Superserious" präsentiert die US-Alternative-Rockband Video-Footage im Netz, das von ihren Fans nach Gutdünken zu einem Clip zusammengeschnitten und auf YouTube hochgeladen werden kann.

Das fördert nicht nur die Identifikation der Fans mit der Band, sondern hat wohl auch den durchaus beabsichtigten Effekt, den Song fest in den Köpfen seiner Hörer zu verankern.

Die Verwendung ihrer Musik in selbst gemachten Videos stößt bei Musikern nicht immer auf Wohlgefallen. Im vergangenen Jahr ließ die Universal Music Publishing Group [UMPG] etwa ein Home-Video von YouTube entfernen, auf dem im Hintergrund einige Takte des Prince-Songs "Let's Go Crazy" zu hören waren.

(futurezone | Patrick Dax)