Ars Electronica: Meinungsfreiheit in China

demokratie
17.06.2008

Der chinesische Internet-Aktivist Isaac Mao hofft, dass Weblogs und Soziale Netzwerke die Meinungsfreiheit in seiner Heimat befördern werden.

Soziale Netzwerke im World Wide Web, auf denen anonym und in großen Gruppen Informationen und Meinungen ausgetauscht werden können, hätten in China weit mehr zum Positiven verändert als in anderen Ländern, sagte der Blogger und Internet-Aktivist im Rahmen der Jurysitzungen der Ars Electronica im Gespräch mit der APA.

Für viele Gesellschaften weltweit "ist das Internet nur eines von vielen Tools, um zu kommunizieren. In China jedoch können die Menschen sich nur dem Internet frei anvertrauen", sagte Mao. Und sie fänden dabei "kreative Wege", die Zensur der "großen chinesischen Firewall" zu umgehen.

Schneller als der Zensor

Jene im Westen oftmals belächelte Vision des Internets, nach der das Netz Demokratie befördert und Bürgern neue Freiheiten gibt, sei in China mit dem "Web 2.0" Realität geworden, so Mao. Die Chinesen fühlen sich auf sozialen Plattformen "sicherer" vor der Zensur und der Verfolgung durch die Behörden.

Und über jene typische verteilte Arbeitsleistung des Web 2.0 können Informationen "innerhalb von Stunden" zugänglich gemacht werden, die früher erst nach Wochen erhältlich waren. "Als die Regierung versucht hat, die Zensur bei Bloggern oder Instant Messaging zu verstärken, fand sie, dass es zu spät war", so der in Schanghai lebende Mao. "Die Chinesen können sich nun immer neue Orte im WWW suchen, um nicht zensiert oder überwacht zu werden."

Die Technologie der chinesischen Online-Zensur, die bestimmte Websites für den Zugriff sperrt, sei die "komplizierteste der Welt. Viel Budget fließt in diese Infrastruktur", so Mao. "Aber die Menschen finden viele Wege, dies zu umgehen - und diese sind alle gratis!" So würden etwa zensurierte Webseiten im Ausland über Zwischenserver aufgerufen. "Diese verwandeln die Webseiten etwa von Wikipedia in eine Bilddatei, die dann an den chinesischen User geschickt wird. Die Zensur kann auf Bilddateien keine Inhalte erkennen", schildert Mao.

Creative Commons in China

Auch die Anonymisierungsmöglichkeit durch das System The Onion Router [TOR], bei dem viele zwischengeschaltete Knotenpunkte es Angreifern erschweren sollen herauszufinden, von welchem Computer aus eine Webseite abgerufen wird, werde "viel genutzt". Durch diese neuen Möglichkeiten werde es den Chinesen "erleichtert, die Welt zu verstehen". Viele hätten durch die Internet-Nutzung selbst Englisch gelernt und würden diese Sprachkenntnisse nun in den Dienst der Öffentlichkeit stellen, indem sie zusammen mit vielen anderen Chinesen etwa aktuelle Nachrichtentexte internationaler Medien innerhalb weniger Stunden ins Chinesische übersetzen, erläuterte Mao, der u. a. das alternative Urheberrechtskonzept der "Creative Commons" nach China gebracht hat.

"Je mehr Menschen das alles machen, desto sicherer ist der Einzelne", sagte Mao über die rund 220 Mio. chinesischen Internet-User. Viele Chinesen seien sich früher gar nicht bewusst gewesen, dass hinter nicht abrufbaren Seiten beim Surfen "Big Brother steckt", so Mao. "Jetzt, wo sie es wissen, finden sie Wege, die Zensur zu umgehen - egal ob sie sie unterstützen oder nicht." Es gebe "immer noch Leute, die Zensur in China unterstützen", betonte Mao. "Ich weiß aber nicht, warum."

Technik vs. Tradition

Diese Veränderungen in der Online-Welt würden auch auf die Offline-Welt durchschlagen, wenn auch langsam: Viele traditionelle - also von der Regierung zensurierte - Medien müssten nun "mit dem Internet um die Aufmerksamkeit ihrer Leser kämpfen" und sich daher öffnen, sagte Mao. Er sehe "Potenzial für noch größere Veränderungen" in China, denn die kommende Generation wachse mit dem Internet auf. Es gebe eine "sehr autoritäre Tradition" in China, und das Internet sei dort ursprünglich deshalb eingeführt worden, weil es die internationalen Unternehmen verlangt hätten. "Es hat in den vergangenen fünf Jahren bereits eine wichtige Rolle gespielt. Und es wird in den nächsten paar Jahren noch wichtigere Veränderungen geben", prognostizierte Mao.

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(APA)