23.11.2003

SPIEL & KULTUR

Games scheitern an komplexen Vorlagen

Das Erscheinen des Video-Spiels "The Simpsons: Hit & Run" dürfte nicht nur viele sonst eher Game-Uninteressierte vor die einschlägigen Konsolen gelockt haben, sondern ist auch ein guter Anlass, die Frage nach dem aktuellen Verhältnis der Medien Film und Videospiel [wieder] zu stellen:

Zwar ist die Game-Industrie auf dem besten Weg, die Filmindustrie nach Umsätzen einzuholen, die großen Geschichten werden aber immer noch in Hollywood erzählt.

Diese Domäne müssen die Spielehersteller allerdings knacken, wenn sie ihre Produkte zu einem echten Massenmedium machen wollen, was unter anderem die häufigen Adaptionen von Filmstoffen für Games erklärt.

Im Falle des aktuellen Simpsons-Spiels kommt dazu, dass das Spiel schon im Vorfeld und danach in sämtlichen Kritiken mit dem Hit "GTA: Vice City" [VC] verglichen wurde und dieses Game wiederum als eine der besten Adaptionen eines klassischen Hollywood-Stoffs gelten kann.

Die Gangster-Erzählung

Zwar war "Vice City" als vierter Teil einer Serie keine explizite Filmadaption, dafür wurde aber ohne große Ankündigung einer der ganz großen, klassischen Hollywood-Stoffe so brilliant auf ein Videospiel übertragen, dass das Game zu Recht als Meilenstein in der Spielegeschichte gilt.

Letztlich kann man hier als Spieler erstmals die Geschichte vom skrupellosen, unbedingt zum Aufstieg entschlossenen Gangster schon recht überzeugend selbst durchleben.

Der Plot, der sich eigentlich in diesem blutigen Aufstieg erschöpft, geht dabei auf den Klassiker "Scarface" zurück.

Vice City

Nach zahllosen Variationen und Remakes hat sich dann 1983 Brian De Palma des Stoffs angenommen und ihn zeitgemäß interpretiert: Die Immigranten kommen jetzt nicht mehr aus Europa, sondern aus Mittelamerika [konkret: Kuba], aber die Situation, auf die sie treffen, ist die gleiche:

Das herrschende Establishment gewährt ihnen keine echte Chance, also bleibt für den schnellen Aufstieg nur der Weg über die Illegalität. Bei De Palma wurde daher konsequenterweise aus Alkohol Kokain und die Handlung wurde von Chicago nach Miami verlegt.

Womit das Set und der Plot für "Vice City" geschaffen wurden, zahllose Orte wurden sogar eins zu eins übersetzt und auch der Zeppelin von 1932, den De Palma natürlich auch zeigt, landet schließlich auf der Spielekonsole.

Eine einfache Geschichte

Neben einigen anderen Faktoren, wie der extrem ausgeweiteten Spielfläche und des teils nicht linearen Spielverlaufs konnte "VC" allerdings auch nur deshalb so überzeugend die große Gangster-Geschichte erzählen, weil diese recht einfach ist und ihre Elemente sich hervorragend mit den derzeitigen technischen Möglichkeiten simulieren lassen:

Verfolgungsjagden und vor allem das Abschießen von Gegnern sind eben recht einfach darzustellen und haben auch immer eindeutige Resultate.

Eine komplizierte Geschichte

Ganz anders verhalten sich dagegen die Geschichten, die in der TV-Serie "The Simpsons" verhandelt werden: Hier geht es nicht um den linearen Aufstieg eines Gangsters mit begrenzten Mitteln [Gewalt], sondern um differenzierte soziale und emotionale Themen.

Und genauso wie "VC" bezeichnenderweise das tragische Ende von "Scarface" weglässt, weil das im Rahmen der Spiellogik nicht darzustellen ist [obwohl es ein interessanter Versuch wäre], wird in "The Simpsons: Hit & Run" von vornherein drauf verzichtet, die Plots des Originals im Spiel abzuhandeln: Die komplizierten Verhältnisse in Springfield werden fast nur in den Videosequenzen zwischen den Aufgaben gezeigt.

Der Spieler muss die bekannten Simpsons-Figuren eigentlich nur durch eine Abfolge von Verfolgungsjagden manövrieren, was zwar Spaß macht und mindestens Simpsons-Fans gefallen sollte, aber eben die Erzählhoheit eindeutig beim Film belässt.

Es geht voran

Das Projekt, Videospielen eine ähnlich große Erzählmacht wie Filmen zu verleihen, kann wegen des aktuellen, aber symptomatischen Scheiterns am "Simpsons"-Stoff allerdings nicht insgesamt als gescheitert angesehen werden.