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Mobilfunk: "Nach heutigem Wissensstand keine Gefahr"

EXPERTEN
23.04.2009

"Nach heutigem Stand der Wissenschaft kommt es bei Einhaltung der Grenzwerte zu keiner gesundheitlichen Gefährdung im Umgang mit Mobilfunk", so das Resümee des im Frühjahr präsentierten Expertenstatements zum Thema Mobilfunk und Gesundheit. Ob der langfristige Handykonsum Krebs verursacht, konnte jedoch nicht definitiv ausgeschlossen werden.

Der jährlich tagende Wissenschaftliche Beirat Funk (WBF), ein beratendes Gremium des Infrastrukturministeriums, trat auch 2009 wieder in Wien zusammen. 22 Wissenschaftler aus Österreich, Deutschland, Schweden und Dänemark beschäftigten sich einige Tage lang mit 85 Studien, die zwischen Februar 2008 und Jänner 2009 weltweit publiziert wurden.

Jede einzelne Studie wurde auf ihre wissenschaftliche Qualität (Nachvollziehbarkeit, Methoden etc.) geprüft, präsentiert und diskutiert, "wobei der wissenschaftliche Wert der einzelnen Studien unterschiedlich ist und bei der Gesamtbeurteilung berücksichtigt wurde", heißt es im Abschlussbericht. "Etwa vier Prozent der Studien waren nicht wissenschaftlich", so Strahlenphysiker Norbert Vana, Vorsitzender des WBF, gegenüber ORF.at.

Qualität der Studien gestiegen

In letzter Zeit sei die Qualität der Studien besser geworden, vor allem habe man sich mehr mit der Dosimetrie auseinandergesetzt, nämlich "wie die tatsächliche Verteilung der Energie im menschlichen Körper aussieht", so Vana. Der WBF wünsche sich in diesem Bereich mehr Untersuchungen. Der Strahlenphysiker betonte auch vorab, dass aus wissenschaftlicher Sicht "aus einer Einzelstudie keine endgültige Aussage gemacht werden kann".

Tumor und Krebs

Lediglich sieben Prozent der Studien betrafen das Gebiet der Tumorentwicklung, wesentlich weniger als in den Vorjahren. Wobei Studien, die einen Beobachtungszeitraum von mehr als zehn Jahren umfassten, unterschiedliche Ergebnisse brachten. "Es gab einige Studien, die einen Hinweis geben, und andere, wo es keine Hinweise gibt. Hier können wir nur abwarten", so Vana.

Probleme bei Langzeitstudien

Das Problem bei Untersuchungen zu diesem Thema sei, dass diese über epidemiologische Studien erfolgten, "welche einige Schwächen haben", so Vana. So sei etwa die schädliche Auswirkung auf eine Person nur über deren persönliche Befragung möglich.

Derzeit liegen keine aussagekräftigen Studien zur Langzeitwirkung (mehr als zehn Jahre) vor. Frage man eine Person, wie die Handynutzung vor zehn Jahren ausgesehen habe, so unterschätze diese die Anzahl der Telefonate und überschätze die Dauer, die sie telefoniert hat.

Bei Studien, die weniger als fünf Jahre umfassten, konnte kein Zusammenhang zu Tumorentwicklungen festgestellt werden. "Kurz- und mittelfristige Auswirkungen können wir nach dem heutigen Stand des Wissens ausschließen", so Vana.

Keine Gefahr für Männer

Was die Zeugungsfähigkeit von Männern betrifft, so gebe es auch hier keinen Nachweis einer Veränderung des Hormonstatus bei Männern. Sofern sich eine Studie mit den Auswirkungen auf die Qualität von Samenzellen befasste, war diese aufgrund methodischer Probleme nicht aussagekräftig. "Wenn etwa die Spermien nach dem Test eine Stunde bei Zimmertemperatur aufbewahrt wurden", so Vana. In diesem Fall gebe es immer eine Veränderung der Qualität.

Mehr Studien zu Zellbiologie

Im Bereich der Zellbiologie habe es einen ausgeprägt steigenden Trend zu Studien gegeben. Diese machten heuer 20 Prozent der Studien aus. Einige stellten eine Veränderung der Zellstruktur fest. "Einflüsse auf die Zelle bedeuten noch keine gesundheitliche Gefährdung", so Vana. Wenn sich die Parameter, also die charakterisierenden Eigenschaften, veränderen, "dann muss das noch keine gesundheitliche Auswirkung haben".

Gleichbleibende Befindlichkeit

Christian Wolf, stellvertretender Vorsitzender des WBF, erläuterte die Studien zum Thema Befindlichkeit, die etwa 30 Prozent ausmachten. Zwar würde sich eine zunehmende Zahl als "überempfindlich gegenüber hochfrequenten elektromagnetischen Feldern" bezeichnen. Diese Sensitivität sei jedoch in Laborexperimenten nicht bestätigt worden.

Bei Schlafstudien verwende man etwa die "Doppelblind-Methode". Die Versuchsperson wird im Labor einem Feld (Bestrahlung) ausgesetzt, nur wisse diese nicht, wann sie "befeldet" wird und wann nicht. "Wichtig ist auch, dass der Versuchsleiter dies nicht weiß", so Wolf. Das nenne man "doppel-blind".

Auch Laboruntersuchungen zum Einfluss des Mobiltelefons auf die kognitiven Fähigkeiten wie das Sprechen, Rechnen und Reagieren im Alltag hätten keine nachweislichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen gezeigt.

Grenzwert

Der im Bericht erwähnte Grenzwert (SAR) setzt sich aus der Summe aller Funkmittel (TV, Handy etc.) zusammen. Derzeit liegt der Basisgrenzwert bei 0,08 Watt pro Kilogramm. "Biologisch relevant ist der Anstieg von einem Grad im Kern (Körperinneren)", so Vana. Der Grenzwert sichere derzeit, dass es zu keiner Temperaturerhöhung über zwei hundertstel Grad komme.

Auch wenn "nach dem heutigen Wissensstand" keine eindeutigen Ergebnisse zu negativen Auswirkungen des Mobilfunks auf den Menschen präsentiert werden konnten, empfiehlt der WBF "den umsichtigen Umgang bei der Verwendung von Technologien", so Vana.

Ärztekammer warnt

Erik Huber, Referent für Umweltmedizin der Ärztekammer Wien, verweist auf das Präventivprinzip, welches beim Gebrauch von Handys unbedingt anzuwenden sei. "Tatsache ist, dass langes und häufiges Telefonieren zu einer Erhöhung der Gehirntumorrate führt", meinte Huber im Telefonat mit ORF.at. Dazu gebe es bereits sehr gute Studien. Derzeit sei jedoch der Kausalzusammenhang noch nicht erforscht.

Selbige Diskussion habe es auch bezüglich des Tabakkonsums gegeben. Der Nachweis, dass Rauchen schade, sei erst Jahre später erfolgt. "Wenn man die prinzipielle Tendenz hat, das Mobilfunk nicht gesundheitsschädlich ist, dann ist das eine bedenkliche Einstellung", so Huber. Bis heute sei eine Wechselwirkung zwischen Asbest und Lungenkrebs oder Contergan und Missbildungen etwa nicht nachweisbar, dennoch wurde beides aus dem Verkehr gezogen.

Die Wiener Ärztekammer empfiehlt den Konsumenten unter anderem wenige und kurze Handytelefonate zu führen, das Weghalten des Handys von Kopf und Körper während des Gesprächsaufbaus sowie die Beachtung der SAR-Werte beim Kauf eines Handys.

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(futurezone/Claudia Glechner)