Handystrahlung bleibt heißes Eisen

24.04.2008

Rund um das Thema Handystrahlung entspinnt sich in Österreich ein Grabenkampf zwischen der Ärztekammer und dem Wissenschaftlichen Beirat Funk [WBF]. Während der WBF Entwarnung gibt, ist die Ärztekammer besorgt - als Basis berufen sich beide auf dieselbe Studie.

Mittwochvormittag verschickte die Ärztekammer Wien in einer Aussendung die aktualisierte Version ihrer zehn Handyregeln, mit denen sie vor der übermäßigen Nutzung von Mobiltelefonen warnen will. Unter anderem empfehlen die Ärzte, das Handy beim Verbindungsaufbau und beim Senden von SMS so weit wie möglich vom Körper wegzuhalten und prinzipiell so wenig wie möglich zu telefonieren - und wenn doch, dann vorzugsweise im Festnetz.

Auswirkungen auf den Menschen

Die Ärztekammer sei weiterhin grundsätzlich besorgt hinsichtlich möglicher Langzeitschäden durch übermäßiges Telefonieren mit dem Handy, zitiert die Aussendung Erik Huber, Referent für Umweltmedizin der Ärztekammer für Wien und Autor der Handyregeln.

Huber erklärte weiters, dass auch Mitglieder des WBF in einem erst kürzlich publizierten Artikel erstmals Auswirkungen von Mobiltelefonie auf den menschlichen Organismus eingestanden hätten.

Eine Analyse verschiedener Studien zu dem Thema habe nämlich ergeben, dass GSM-Telefonie die intellektuellen Fähigkeiten von Menschen beeinflussen könne. Das sei insofern interessant, als der WBF Hinweise auf mögliche gesundheitliche Gefährdungen bisher meist als "Panikmache" abgetan habe, so Huber. Dieses "Eingeständnis" sei "ein erster wichtiger Schritt, um konstruktive Gespräche zu beginnen".

Die Handyregeln im Detail

- Das Plakat

"Grob verzerrte Darstellung"

Angesprochen auf diese Aussendung und vor allem die zitierten Effekte auf die menschliche Denkleistung, zeigte sich der WBF gegenüber ORF.at verwundert. "Das ist eine grob verzerrte Darstellung, von der wir uns ausdrücklich distanzieren", sagte Christian Wolf, stellvertretender Vorsitzender des WBF.

WBF-Vorsitzender Norbert Vana erklärte weiters, dass in der angesprochenen Metastudie von Alfred Barth über zehn Studien hinweg zwar eine Studie Effekte gezeigt habe, diese Effekte als solche aber nicht als gesundheitsgefährend einzustufen seien. "Gesundheitsgefährdend heißt, dass etwas nicht reversibel ist."

Mehr Aufmerksamkeit beim Telefonat

Diese eine Studie habe im Labor gezeigt, dass Handytelefonie die Aufmerksamkeit erhöht, die Gedächtnisleistung dafür gesenkt habe - und beide Effekte waren rückbildbar. "Die Frage ist ja: Wie sieht dieser Effekt im realen Leben aus, gerade bei einer Kommunikationsleistung wie dem Telefonieren?"

Die Metastudie von Barth, bei der Vana als Mitautor fungierte, werte diese Effekte auch entsprechend als für den realen Alltag vernachlässigbar.

"Kein Beweis heißt nichts"

"'Es gibt keinen Beweis' heißt nichts", erklärte wiederum Huber gegenüber ORF.at. Es gebe einen Unterschied zwischen Beweis und der Möglichkeit einer Gefährdung. Bei einer möglichen Gefährdung sei es in den Augen der Ärztekammer wichtig, die Bevölkerung zu warnen.

"Ich will keine Angst erzeugen, ich nutze selbst ein Handy. Mir geht es um die Bewusstseinsbildung und die Aufklärung, was jeder Einzelne machen kann, um das Risiko für sich zu minimieren", sagte der Urologe.

"Genug Verdachtsmomente"

Für die Ärztekammer zähle, dass der WBF erstmals zugegeben habe, dass Handytelefonie eine Auswirkung habe. "Für uns ist das eine sehr positive Sache", so Huber weiter, obwohl er zugeben müsse, dass es derzeit keinen hundertprozentigen Beweis gebe. "Es gibt aber genug Verdachtsmomente."

Der Zusammenhang zwischen Lungenkrebs und Rauchen sei auch erst spät bewiesen worden, und aktuell gebe es die Diskussion darüber, ob und wie die Klimaerwärmung stattfinde. "In fünf bis zehn Jahren werden wir hoffentlich Beweise für die Effekte von Mobilfunk haben." Zur Auslegung der Studie meinte Huber: "Wir haben offensichtlich eine andere Interpretation."

Vorwurf der Diskussionverweigerung

Der Aussage über die unterschiedliche Interpretation kann sich auch Vana anschließen, der Huber und der Ärztekammer allerdings auch Diskussionverweigerung vorwirft. So sei die Ärztekammer immer wieder eingeladen worden, habe sich aber nicht auf die Einladungen gemeldet und bei entsprechender Nachfrage abgesagt.

Huber selbst erklärte, er habe für die letzte WBF-Sitzung eine Einladung geerbt, sei aber dienstlich verhindert gewesen. Der WBF kontert, dass Huber sogar seine eigene Buchpräsentation abgesagt habe, weil ein Mitglied des WBF zur Diskussion geladen war. Huber weist das von sich, mit dem WBF oder Vana habe er kein Problem, nur mit dem damaligen Setting.

Vana selbst wünscht sich eine "seriöse" Diskussion, derzeit werde sie wie ein Glaubenskrieg geführt. "Wenn man die Dinge wissenschaftlich betrachtet, dann muss man auch wissenschaftlich diskutieren." Huber wiederum meinte, die Diskussion werde wohl so lange geführt werden, "bis wir Beweise haben".

WBF sieht keine Gesundheitsgefahr

Der WBF hielt Mittwochvormittag selbst eine Pressekonferenz ab, in der er dezidiert Entwarnung in Sachen Mobilfunkstrahlung gab: "Es gibt keinen Beweis, dass es bei Einhaltung der Grenzwerte eine gesundheitliche Gefährdung im Umgang mit Mobilfunk gibt."

"Zurzeit" gehen die Wissenschaftler auch nicht von einem erhöhten Risiko von Tumorerkrankungen aus. "Diese entstehen aber nicht von heute auf morgen", schränkte Wolf ein, weshalb derzeit kein abschließendes Urteil gebildet werden könne.

Entwarnung auch für Spermien

Eindeutig hingegen ist laut WBF, der ein beratendes Gremium des Infrastrukturministeriums ist, dass weder Innenohr noch Hörnerv oder Hörzentren im Gehirn negativ beeinflusst werden. Dass es am Ohr warm wird, kommt vom Abdecken der Muschel und daher, dass durch die Elektronik im Handy, "unabhängig vom Inhalt der Gespräche", Wärme entsteht.

Entwarnung gab die Wissenschaft auch in Sachen Spermienqualität, Gentoxikologie sowie Mobilfunk und Kinder.

Auftrag vs. Studienqualität

68 internationale Studien zum Thema, darunter auch die Studie von Barth, wurden dazu von den zwölf Wissenschaftlern untersucht.

Bei der Untersuchung habe sich auch gezeigt, dass die Qualität der Studien vom jeweiligen Auftraggeber abhänge, so Vana. Die höchste Qualität [Design, Auswertung] finde sich bei Studien, die von der öffentlichen Hand und der Industrie gemeinsam finanziert wurden.

Bei Studien, die durch staatliche Stellen oder Non-Profit-Organisationen allein finanziert wurden, zeigte sich demnach eine Überschätzung der Effekte, bei nur von der Mobilfunkindustrie in Auftrag gegebenen Arbeiten eine Unterschätzung. Bei der

Interpretation von Studien solle entsprechend auch der Auftraggeber berücksichtig werden, so Vana.

(futurezone | Nadja Igler | APA)