"Bilanz-Skandale korrigieren sich selber"
Der Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman hat rund eine Woche vor seinem neunzigsten Geburtstag seinen Ruf als Neo-Liberaler aufgefrischt und entgegen dem derzeitigen Trend die Selbstregulierungskräfte des Marktes als Heilmittel gegen Bilanzbetrügereien gepriesen.
Friedman hält auch nach den Bilanzierungsskandalen um US-Unternehmen wie Enron und WorldCom politische Konsequenzen für unnötig. "Das korrigiert sich selbst", sagte Friedman in einem Gespräch mit der "WirtschaftsWoche".
"Wer als Manager Betrug begeht, sollte ins Gefängnis gehen. Aber dafür brauchen wir keine neuen Gesetze."
Friedman erhielt 1976 "für seinen Beitrag zur Verbrauchsanalyse, zur Geldgeschichte und -theorie sowie seine Klarlegung der Komplexität der Stabilisierungspolitik" den Nobelpreis.
Milton FriedmanEinmischung schadet
Friedman verweist darauf, dass Regulierungen, wie sie derzeit in den USA diskutiert werden, in der Vergangenheit wenig Wirkung gezeigt hätten. So habe die Schaffung der Börsenaufsichtsbehörde SEC die Risiken für Anleger keineswegs vermindert.
Zuweilen hätten Regulierungen sogar Schaden angerichtet. Regeln wie etwa Bestimmungen gegen den Insiderhandel hätten die Machtposition von Managern gegenüber Eigentümern gestärkt - und das, so Friedman, "ist ein großer Teil des Problems, das wir heute haben".
Als Beleg führt Friedman "maßlose Gehälter für Topmanager" an.
In den USA wollen sowohl Präsident Bush als auch Demokraten mit harten Bandagen gegen Bilanzfälschungen vorgehen. Man überlegt sogar, ein Strafgesetz zu erlassen, nach welchem die CEOs [Chief Executive Officers] ins Gefängnis kommen könnten, wenn in ihrer Firma Bilanzen gefälscht wurden.
CEOs sollen hinter GitterWiderspruch
Der ehemalige Arthur-Andersen-Partner und jetzige Chef der Frankfurter Unternehmensberatung Heaven21, Marek Wojcicki, widerspricht Friedman in der gleichen Ausgabe der Zeitschrift vehement. Er hält es für wichtig, sehr schnell Maßnahmen zur Gesundung des Systems der Wirtschaftsprüfer zu ergreifen.
Der Gesetzgeber müsse mehr Verantwortung übernehmen. Selbstheilungskräfte seien in der Regel gut, aber manchmal gehe es nicht ohne dirigistische Eingriffe:
"Das heißt, wir brauchen eine staatliche Behörde oder Stelle, die dafür sorgt, dass Interessenkonflikte bei Wirtschaftsprüfern schon im Vorfeld ausgeschlossen werden können", fordert Wojcicki. Die Qualität der Prüfung müsse man durch die Festlegung von Mindeststandards gewährleisten.
"Darüber hinaus erscheint mir ein turnusmäßiger Prüfer- und Prüfergesellschaftswechsel durchaus zweckmäßig. Natürlich nicht alle ein bis zwei Jahre, aber eine Obergrenze von fünf Jahren sollte berücksichtigt werden", so Wojcicki. Zur Verhinderung von Interessenkonflikten sei die Trennung von Prüfung und Beratung unvermeidlich. Nach eigenen Angaben führt die US-Börsenaufsicht derzeit allein gegen zwölf börsennotierte Investmentbanken Ermittlungen. Grund ist die mögliche Missachtung von Vorschriften, die das Verhalten der Analysten bei Interessenkonflikten regelten.
Ermittlungen gegen zwölf Investmentbanken
