23.02.2001

MAD NET DISEASE

Bildquelle: PhotoDisc

Internet als Ziel von Wahnvorstellungen

Mit der steigenden Beliebtheit des Webs machen psychisch Kranke das Internet immer öfter zum Inhalt ihrer Wahnvorstellungen.

Mit seiner Vernetzung, regelmäßigen Hackerangriffen und Virenattacken biete sich das neue Medium als Wahnthema für Schizophrenie-Patienten geradezu an, erklärt der Aachener Psychiater Klaus Podoll. "Das Internet ist aber keineswegs die Ursache für den Wahn", betont der Mediziner.

Während sich die Kranken früher auf Telefon oder Radio fixierten, wählten sie jetzt das Internet.

Ein 19-jähriger Schüler etwa führte den Absturz seines Computers auf den persönlichen Einfluss von Microsoft-Chef Bill Gates zurück. Wie der Mediziner in einer Fallstudie in der Zeitschrift "Der Nervenarzt" berichtet, hatte sich der Schüler zu Hause und in der Schule intensiv mit dem Internet beschäftigt.

Elektrische Wellen aus Redmond

Bei einer psychiatrischen Untersuchung gab der 19-Jährige an, er werde auch durch elektrische Wellen beeinflusst. Die Ärzte diagnostizierten bei dem Schüler eine paranoide Schizophrenie.

Podoll erklärt, dass mit der zunehmenden Popularität das Internet immer öfter als Wahninhalt auftauchen werde. Die absolute Zahl der Schizophrenie-Patienten werde dadurch aber nicht steigen.

Stimmen & Strahlen

Beim Beeinflussungs- oder Verfolgungswahn etwa hören die Kranken unter anderem Stimmen und Botschaften, von denen sie nicht loskommen, oder spüren geheimnisvolle Strahlen.

Festplatten statt Gedankenlesens

"Wer früher glaubte, seine Gedanken würden gelesen, der denkt heute, gespeicherte Daten seiner Festplatte würden von Fremden abgerufen", erklärt der Mediziner.

Auch ein 32-jähriger Bankkaufmann habe sich über das Internet ausspioniert gefühlt, wie Podoll berichtet. Jahrelang hatte der Mann Sexmagazine und Pornofilme konsumiert. Später betrachtete er Nächte hindurch Sexbilder aus dem Internet. Er sei regelrecht süchtig danach, habe der 32-Jährige selbst erklärt.

Schizophrenie lässt sich "gut behandeln"

Ihm sei klar gemacht worden, dass "offiziell" über seine Sucht geredet würde. Die Wahnvorstellungen entwickelten sich schließlich zu einer so genannten paranoid-halluzinatorischen Psychose.

Schizophrenie, die vermutlich biologische und psycho-soziale Ursachen hat, lässt sich nach Angaben des Mediziners inzwischen gut psychiatrisch behandeln. Durch bestimmte Medikamente, so genannte Neuroleptika, gingen die Symptome meist völlig zurück.

Betroffen von der Krankheit, bei der die Umgebung verändert wahrgenommen wird, sind häufig jüngere Erwachsene, die dafür besonders veranlagt sind, wie Podoll berichtet.

Jeder 100. erkrankt an Schizophrenie

Nach Angaben von Psychiatrie-Verbänden erkrankt im Durchschnitt jeder Hundertste an einer Form von Schizophrenie.