12.01.2002

WIEDER & WIEDER

Bildquelle: APA

Sex als Sucht und Flucht im Internet

Bin ich süchtig nach Online-Sex? Wer "zu viel Zeit" mit obszönen Chats und auf Sites mit eindeutigem Inhalt verbringt, sollte sich diese Frage stellen.

So argumentiert zumindest eine Reihe von Psychologen, die sich dem Phänomen der Internetsucht widmen. Obwohl das Bild der Online-Sex-Sucht noch sehr verschwommen ist, wie die eher vage Frage nach "zu viel Zeit" andeutet, und man sicher nicht von einem einheitlichen Krankheitsbild sprechen kann, nehmen renommierte Institutionen wie die American Psychological Association die Sucht im Netz ernst.

Fragebogen zum Selbsttest

Auf der "Online-Sexual-Addiction-Site" kann man sich einem Selbsttest unterziehen und nach 24 Fragen herausfinden, ob man zur Risikogruppe gehört. Die Fragen reichen von "Verbringen Sie mehr Zeit, als Sie wollen, auf Seiten mit sexuellem Inhalt?" bis "Masturbieren Sie vor dem Computer?"

Vorsicht: Wie bei allen Selbsttests reicht die Aussagekraft nicht über Hochglanz- und Kleinformatniveau hinaus!

Hohes Suchtpotential?

Das Internet biete gerade in Bezug auf Sex ein großes Potential, zum Ort für zwanghaftes Verhalten zu werden. Anonym und mit einer neuen Identität kann der User leichter und billiger als mit dem Telefon und anderen hausbackenen Medien seinen Phantasien fast freien Lauf lassen.

Die Sucht als Flucht

Dabei berge Sex im Netz die Gefahr, dass schwache Persönlichkeiten, die ein geringes Selbstwertgefühl besitzen oder sexuelle Probleme haben, im Netz Kompensation und Befriedigung suchen und so eine Online-Sex-Sucht entwickeln, befürchten Psychologen wie Kimberly Young von der University of Pittsburgh und Grüderin vom "Center for On-Line Addiction".

Eine wichtige Komponente bei jeder Sucht besteht nämlich darin, dass Betroffene einen Ausweg aus Problemen suchen, die sie alleine nicht bewältigen können. Folgen der Sucht könnten der Verlust von sozialen Kontakten, Problemflucht und ein beeinträchtigtes reales Sexualleben sein.

"Kein neues Phänomen"

In Fachkreisen wird jedoch auch vielerorts bezweifelt, ob man überhaupt von dem Phänomen der Internet-Sucht reden kann.

John M. Groh, amerikanischer Psychologe, argumentiert zum Beispiel, dass das Internet lediglich Medium, nicht aber Ursache einer Sucht sein kann. Menschen, die ein Problem damit haben, zu viel Zeit mit Surfen zu verbringen, handeln seiner Ansicht nicht anders, als Menschen , die ein Problem mit Telefonieren, Fernsehen oder Spielen haben und dabei ihre Familie, Arbeit und Freundschaften vernachlässigen.

Vorsicht vor Online-Therapie

Fragebögen wie jener von OSA finden sich zahlreiche im Netz. Jedoch sind solche Selbstanalysen wenig aussagekräftig. Sie können höchstens als erste Hinweise gedeutet werden.

Sollten Surfgewohnheiten und die Suche nach dem Sex im Netz wirklich Probleme im alltäglichen Leben bereiten, verspricht die Selbsttherapie oder die Analyse per E-Mail und Online-Chat wenig Hoffnung.

Da es sich auch bei der Online-Sex-Sucht meist um eine Flucht vor ganz konkreten Problemen im richtigen Leben handelt, sollten Betroffene professionelle Hilfe von Angesicht zu Angesicht in Anspruch nehmen.