"Uns könnte eine Epidemie bevorstehen"
"Internet-Sucht" ist als Phänomen mittlerweile etabliert, als Steigerung wird jetzt von US-Psychologen eine digitale Katastrophe vorausgesagt.
"Jüngsten Untersuchungen zufolge sind rund sechs Prozent der Internet-Nutzer in den USA abhängig, also elf Millionen Menschen", berichtet die Psychologin Kimberly Young. "Uns könnte eine Epidemie bevorstehen."
Die Behandlung der Internet-Sucht erweist sich laut Experten allerdings als problematisch: Der "Totalentzug" ist wegen der wachsenden Bedeutung von Online-Diensten im Wirtschafts- und Alltagsleben kaum möglich.
Das Surfen als Hauptaktivität ist für den britischen Psychologen Mark Griffiths eines der typischen Suchtmerkmale. Zudem seien die Dauersurfer wie andere Abhängige oft Stimmungsschwankungen unterworfen und entwickelten bei Entzug Mangelerscheinungen.
Neues von der Online-SuchtAlkoholkranke an der Bar
Über das Gefahrenpotenzial des Internets sind sich viele Psychologen und Ärzte einig, bei den Behandlungsmethoden gehen die Meinungen allerdings auseinander.
So hat Young in Bradford im US-Bundesstaat Pennsylvania den Online-Beratungsdienst netaddiction.com gegründet. Dort kosten 50 Minuten Beratung in einem Diskussionsforum 89 Dollar.
Für die Psychiaterin Maressa Orzack ist das die falsche Methode. "Da könnte ich ja auch einen Alkoholkranken zur Behandlung in eine Bar einladen", kritisiert sie. Sie setzt darauf, im direkten Kontakt mit dem Betroffenen einen Behandlungsplan auszuarbeiten.
netaddictionExpertenstreit
Andere Experten stellen die Existenz der Internet-Sucht als Krankheitsbild überhaupt in Frage. "Kann das stundenlange Surfen als psychisches Problem wie die Schizophrenie oder eine Depression angesehen werden? Die Antwort lautet Nein", urteilt der Psychiater John M. Grohol.
Auch die Fachzeitschrift "CyberPsychology and Behavior" hat Zweifel in den Reihen der Psychiater ausgemacht: "Viele denken, dass es sich eher um eine Variante anderer Krankheiten handelt, wie der Spiel- oder der Kaufsucht", schreibt das Blatt.
