"Internet bedroht Tageszeitungen"
Eine aktuelle Harvard-Studie zeigt, wer die Verlierer der Informationsrevolution sind. Vor allem mittlere bis kleine Tageszeitungen - unterkapitalisiert und im Internet schlecht aufgestellt - sind betroffen. Der britische Finanzinvestor Mecom kauft europaweit gerade ein Cross-Media-Imperium zusammen.
Klar war seit Jahren, dass der stetig steigende Gebrauch des Internets Auswirkungen auf die Reichweiten der traditionellen Medien haben würde, doch die Voraussagen vom baldigen Ableben der Tageszeitung an sich erwiesen sich als übertrieben.
Und als verfrüht, denn einen direkten Zusammenhang zwischen Internet-Vormarsch und sinkenden Auflagen gedruckter Nachrichten bzw. TV-Einschaltquoten gab es - in eindeutigen Zahlen ausgedrückt - bisher nicht.
Der Status
Ebensowenig war klar, welche traditionellen Medien von der Informationsrevolution im Netz besonders getroffen würden.
Fest steht, dass die Druckauflagen des gesamten US-Tageszeitungsmarkts binnen zwölf Monaten um drei Prozent gefallen ist. Eine Million Zuseher hatte der TV-Markt im Studienzeitraum bis April 2007 in den USA verloren.
Eine aktuelle Studie der Harvard-Universität zeigt nun auf, wohin diese Zuseher verschwunden sind, nämlich - nicht wirklich überraschend - ins Netz.
Überschätzte Blogs
Die schönen Wachstumsraten der Internet-Medien erklären, dass aus den "Zusehern" eben immer mehr "Benutzer" werden.
Digg.com, ein Service, der Nachrichten durch die Benutzer zusammenstellen läßt, ist im Studienzeitraum von zwei auf 15 Millionen User pro Monat explodiert.
Die Branche "Community-Websites" ist binnen eines Jahres um 14 Prozent gewachsen, die generell überschätzten Blogs wuchsen um sechs Prozent.
Gewinner und Verlierer
Die Websites der bekannten Tageszeitungen wie New York Times, Washington Post oder USA Today haben dagegen zehn Prozent an Netzreichweite zugelegt [etwa 8,5 Millionen Besucher pro Monat pro Zeitung], verloren haben dort regionale Medienhäuser wie Boulevard- und Revolverblätter.
Die Websites der landesweiten US-TV-Networks steigerten ihre Zugriffe im Studienzeitraum um erstaunliche 30 Prozent.
"Brand Media" oder "Markenmedien" holen die ins Internet abgehenden Benutzer offenbar erfolgreich dort wieder ab.
Die Bedrohung
"Das Netz bedroht im besonderen Tageszeitungen" heißt es in der Aussendung von Harvard-Professor Thomas Patterson zur Publikation der Studie.
Gefährdet sind laut Studie jene US-Blätter, denen der Umstieg in die "Digitalisierung" nicht recht gelungen ist. Das sind meist kleinere, besonders verzopfte oder provinzielle Medienhäuser, die es bis jetzt nicht geschafft haben, die eigenen Printprodukte mit dem neuen Medium Internet gewinnbringend zu kombinieren.
Ein großer Teil der Werbung und des Geschäfts mit Kleinanzeigen ist ins Internet ausgewandert, wer dort nicht mithalten kann, verliert Einnahmen. Damit fehlt erst recht die Liquidität für Investitionen in die interaktive Kommunikation mit den ehemaligen Lesern und nunmehrigen Nutzern.
Fragmentiert in Deutschland
Derselbe Trend wird auch in Deutschlands Zeitungsbranche sichtbar, die anders als oft angenommen, bei weitem nicht in dem Ausmaß wie in Österreich von einem einzigen Boulevardblatt dominiert wird.
Die Zeitungsbranche in Deutschland ist aufgrund der Historie des Landes fragmentiert, Grund ist ein starkes Kartellgesetz gegen Medienkonzentration.
Die drei größten Verlagshäuser Axel Springer AG [Bild-Zeitung], die WAZ-Mediengruppe und Holtzbrinck kontrollieren zusammen gerade einmal 30 Prozent des deutschen Tageszeitungsmarkts.
Der Aufkäufer
Den überwiegenden Teil machen etwa 300 kleinere Verlage aus, die oft noch in Familienbesitz stehen.
Diesen Markt mischt der britische Finanzinvestor David Montgomery im Moment auf, zu seiner Zeitungsholding gehören Berliner Tageszeitungen mittlerweile ebenso wie das Boulevardblatt "Hamburger Morgenpost" und: die "Netzeitung", ein reines Online-Medium.
Montgomery fährt eine klar definierte Cross-Media-Strategie und plant bereits die nächsten Übernahmen in Deutschland.
Neue Zeitungsketten
"Man braucht eine Zeitungsgruppe mit einer kritischen Größe, um Kosteneffekte zu realisieren, profitabel zu werden oder zu bleiben und sich für die digitale Zukunft zu wappnen", sagte Peter Skulimma, der Medienstratege des Finanzinvestors am Sonntag. "Das haben einzelne Verlage nicht und scheuen deshalb zu Recht Investitionen."
Deshalb müssten Zeitungsketten geschaffen werden.
Und: Dazu müssten einzelne Verlage auch ihre Vorbehalte gegenüber Konkurrenten aufgeben, aber auch ihre Kritik gegenüber ausländischen Investoren. Als nächstes hat Montgomerys Mecom-Gruppe die "Sächsische Zeitung" im Visier.
Die Netzeitung
Die vom Österreicher Michael Maier gegründete Netzeitung solle im Lauf des Jahres profitabel werden, kündigte Skulimma an, denn damit wolle man mächtige Konkurrenten wie "Spiegel online" angreifen. Die britische Mediengruppe hat mittlerweile Verlagshäuser von Norwegen bis zur Ukraine aufgekauft.
Der globale Murdoch
Rupert Murdoch, dessen globalem Medienimperium u. a. die TV-Senderketten Fox und Sky, das Soziale Netzwerk MySpace, aber auch Zeitungen wie die britische "Times" und die "Sun" angehören, zeigt einen ziemlich guten Riecher, was das neumoderne Cross-Media-Geschäft anbetrifft.
Das Flaggschiff des Print-Verlags Dow Jones, das im Internet kostenpflichtige "Wall Street Journal" - ein offenbar zu wenig profitables Geschäft - soll kostenlos angeboten werden.
Abstoßposten Tageszeitungen
Langfristig könne sich das nämlich auszahlen, meinte Murdoch Anfang August. Im gleichen Atemzug kündigte er an, dass der Dow-Jones-Verlag nach der Übernahme durch Murdochs Fox-Mediengruppe eine Anzahl lokaler US-Tageszeitungen verkaufen werde.
(futurezone | Reuters | APA)
