Keine Standing Ovations für Bill Gates
"Wir befinden uns in einer Dekade, in der die Software mehr als je zuvor Geschäftsprozesse grundlegend verändern wird", erklärte heute der Gründer des weltgrößten Softwarekonzerns Microsoft, Bill Gates, beim Technologieberatertreffen com.sult in Wien.
Neue Technologien würden in bisher nicht gekanntem Ausmaß neue Produktionsmöglichkeiten und somit Arbeitsplätze schaffen. Software und die Vernetzung von IT-Infrastruktur ist laut Gates "der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg".
Durch die Automatisierung würde Software genau jene Bereiche rationalisieren, wo es nach wie vor steigende Kosten gebe: beim Personal und bei der Organisation.
"Ritter" Gates' Tour um die WeltGates: Patches immer brav einspielen
Der Trend hin zu immer billigerer Hardware und mobilen Endgeräten würde die Notwendigkeit zur Rationalisierung noch verstärken. Voraussetzung sei, dass die Software automatisch erkenne, mit welchem Endgerät der Nutzer unterwegs ist, und eine einheitliche Benutzerplattform für die verschiedensten Anwendungen.
Die Nachfolgegeneration des Betriebssystems Windows, Longhorn, soll das beherrschen, doch die Entwicklung dafür würde noch zwei bis drei Jahre dauern, so der reichste Mann der Welt.
Ein weiteres wichtiges Thema der IT-Zukunft sei die Sicherheit. Dabei betonte Gates, dass sich die meisten Virenangriffe durch regelmäßige Updates vermeiden hätten lassen.
Kritiker werfen Microsoft hingegen vor, bisher zu wenig gegen die Bedrohung getan zu haben.
2003: Rekordjahr für Würmer und VirenKeine Standing Ovations
Nach der Rede des Microsoft-Gründers kam es zu "einem kleinen Hoppala" [APA]. Als der Veranstalter des Technologieberatertreffens com.sult die Besucher zu Standing Ovations aufforderte, kamen dem nur zögerlich die Wirtschaftsprominenten in den ersten Reihen nach.
Der Rest blieb sitzen oder verließ rasch den Saal. Die anschließende Podiumsdiskussion ohne Gates verfolgte dann auch nur noch ein stark reduziertes Publikum.
Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein [ÖVP] sprach auf der gleichen Veranstaltung im Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz über den Wirtschaftsstandort Österreich, auf dem "Innovationspotenzial und Informationstechnologie Motoren des Fortschritts" seien.
Das Innovationspotenzial der österreichischen Unternehmen bilde einen der Schlüsselfaktoren für wirtschaftliche Erfolge: "Forschung und Entwicklung ist daher ein besonderes Anliegen der Regierung, die die Aufwendungen dafür im Jahr 2002 mit 1,4 Milliarden Euro um 7,3 Prozent gegenüber dem Jahr davor und um 19 Prozent gegenüber dem Jahr 2000 gesteigert hat", betonte Bartenstein. Ziel sei es, den Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis 2006 auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzuheben. Bis 2010 soll der Anteil auf drei Prozent ansteigen.
Forschungsquote nur im EU-MittelfeldMehr Einblick
Das Innenministerium gab unterdessen eine Erweiterung des Abkommens mit Microsoft Österreich bekannt:
Durch die Teilnahme am Government Security Program [GSP] verfüge das Ministerium nicht nur über den kontrollierten Zugriff auf den Windows-Quellcode. Dem Ministerium würden von Microsoft auch ergänzende technische Informationen über die Windows-Plattform offen gelegt.
Damit sei das Bundesministerium für Inneres, das im November 2001 europaweit als erste Regierungsstelle Einblick in den Windows-Quellcode erhalten habe, noch besser in der Lage, seine IT-Infrastrukturen mit umfangreichen Sicherheitstechnologien auszustatten.
MS-Quellcode fürs InnenministeriumProteste von Open-Source-Befürwortern
Es gibt allerdings auch kritische Stimmen anlässlich des Gates-Besuchs in Wien: Die "CODE"-Sektion der Globalisierungskritiker von ATTAC hatte zu einer Demonstration vor dem Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz aufgerufen, wobei die Demonstranten teilweise in Pinguinkostümen auftraten.
Und die Landtagsabgeordnete der Wiener Grünen, Marie Ringler, kritisierte in einer Aussendung, dass "sich der Bund anscheinend lieber mit Repräsentanten marktbeherrschender Unternehmen trifft und deren Werbefeldzüge unterstützt", statt sich um Alternativen zu bemühen.
Die Stadt Wien sei dagegen "auf dem richtigen Weg": "Derzeit wird an einer Studie gearbeitet, die den zukünftigen Einsatz von Open-Source-Software in allen Bereichen der Stadtverwaltung prüft. Die Signale dafür sind mehr als positiv."
ATTAC-Aktion
