Magisch geschlossene Verwertungskette
Für AOL Time Warner ist der heutige Start des "Harry Potter"-Films nichts weniger als der entscheidende Test, ob die Fusion zum größten Medienkonzern der Welt, die fast genau vor einem Jahr bekannt gegeben wurde, ihre hoch gesteckten Ziele erreichen und das Unternehmen die angestrebten Synergieeffekte wirklich ausschöpfen kann.
Erklärtes Ziel des Medienkonzerns ist es, die Konsumenten möglichst flächendeckend und weltweit mit den eigenen Medien zu "umzingeln" [online, TV, Kino, Musik, Printmedien] und so eine geschlossene Verwertungskette zu erzeugen.
Der Potter-Film ist der erste echte Test dieser Strategie, der vor dem Hintergrund schwindender Werbeeinnahmen eine besondere Brisanz erhält.
AOL und Time Warner fusionierenMerchandising
Die geballte Macht der AOL-Time-Warner-Medien soll Konsumenten dabei nicht nur in die Kinos treiben, sondern möglichst auch dazu bringen, die gesamten Merchandising-Produkte zu kaufen, die von 300 Lizenznehmern hergestellt werden.
Die Erwartungen im Lizenzgeschäft sind dabei extrem hoch geschraubt: Mindestens eine Milliarde USD sollen hier nach inoffiziellen Angaben eingenommen werden - bei 125 Millionen USD Produktionkosten für den Film.
Einen "Vorschuss" hat der Konzern schon von Coca Cola kassiert: Der Getränkehersteller zahlt allein 150 Millionen USD für den Status als exklusiver "Potter"-Partner.
Der FilmOnline alles im Griff
Neben den konzerneigenen Printmedien [rund 160 Titel] und Kabel-TV-Gesellschaften [20 Prozent aller US-Haushalte] sollen vor allem die Internet-Aktivitäten dafür sorgen, dass niemand dem Zauberlehrling im Warner-Design entkommt.
Über das Warner-"Portal" Moviefone sollen Kinokarten abgesetzt und auf allen AOL-Kanälen soll "Harry Potter" in nächster Zeit ins Konsumenten-Bewusstsein gebracht werden.
Damit das inzwischen weltweit einheitliche Potter-Design auch im Netz nicht gestört wird, hat der Konzern direkt nach dem Erwerb der Vermarktungslizenzen damit begonnen, entsprechende Domain-Namen einzuklagen und alle Sites, die sich mit der Figur beschäftigen, penibel zu beobachten und im Zweifelsfall abzumahnen.
Betroffen sind aber nicht nur eventuelle Trittbrettfahrer der Vermarktungsmaschinerie, sondern auch harmlose Teenager, die ihre Potter-Seiten als Hobby und ohne jede Gewinnabsicht gestalten.
So bekam die 15-jährige Britin Claire Field Post von den Warner-Wächtern, die sie aufforderten, zu den Zielen und Absichten Stellung zu nehmen, mit denen sie ihre Potter-Fansite gestalte.
MoviefoneHohe Ziele nicht zu erreichen
Eine besonder Bedeutung bekommt die Potter-Geldmaschine auch durch die fianziell angespannte Situation AOL Time Warners.
Der Konzern macht zwar operativ solide Gewinne, ist aber durch den Einbruch des Werbemarktes weit von den hoch gesteckten Zielen, die bei der Fusion angekündigt wurden, entfernt.
Beobachter gehen auch davon aus, dass die überraschende Entlassung des Finanzchefs am letzten Freitag ein Krisenzeichen ist, auch wenn AOL Time Warner das naturgemäß bestreitet.
AOL Time Warner setzt Finanzchef ab
