14.03.2001

URBI ET ORBI

Bildquelle: FuZo

Heiliger Elektrosmog empört Römer

Der Elektrosmog, den die Sendeanlagen von Radio Vatikan im Norden Roms verursachen, sorgt derzeit in Italien für einige Aufregung.

Die elektromagnetische Belastung im 25 Kilometer nördlich von Rom gelegenen Cesano überschreitet die in Italien gültigen Grenzwerte gleich um das Dreifache.

Deshalb hat die römische Staatsanwaltschaft nun ein Verfahren angestrengt, das nur an einem schweren Schönheitsfehler leidet: Der päpstliche Vatikanstaat erkennt die Zuständigkeit der römischen Justiz nicht an.

Antennenwald von Santa Maria di Galeria

Im Umkreis der Sendeanlagen ist die Strahlungsdichte derart hoch, dass die Nachbarn auch mit einem Kühlschrank oder anderen Haushaltsgeräten Radio hören können, heißt es im Volksmund.

Radio Vatikan begann mit einem 15-kW-Kurzwellensender auf der Spitze des Vatikanhügels, der bereits in aller Welt gehört werden konnte. Bis 1957 waren weitere Antennen ebenfalls hinter vatikanischen Mauern, bis sich herausstellte, dass man für die weltweite Ausstrahlung der Programme eine große Sendeanlage mit hohen Masten benötigte. Daher wurden auf einem landwirtschaftlichen Gelände von über 400 Hektar rund 25 Kilometer von Rom entfernt neue Sendeanlage errichtet. Das Gelände ist extraterritorial und durch die Lateranverträge gesichert.

Leukämierate sechs Mal so hoch wie Durchschnitt

Doch nicht nur die Strahlenbelastung ist seit Jahren dramatisch erhöht: Auch die Leukämierate bei Kindern ist im Umkreis des vatikanischen Antennenwaldes um das Sechsfache erhöht, wie die Statistik der römischen Gesundheitsbehörde belegt.

Doch den Vatikan ließ das Verfahren bislang recht kalt. Der Grund: Die Antennen des Vatikans befinden sich nicht auf italienischem, sondern auf extraterritorialem Boden. Für Störungen in den Beziehungen zwischen Italien und dem Vatikan sei jedoch nicht die italienische Justiz, sondern eine so genannte "Bilaterale Kommission" zuständig.

Der Umweg über diplomatische Kanäle könnte eine Lösung des Konflikts noch jahrelang verhindern. Der Programmdirektor von Radio Vatikan, Pater Lombardi, gibt sich gelassen: Ein Zusammenhang zwischen Strahlenbelastung und Leukämierate sei wissenschaftlich nicht erwiesen, daher gäbe es auch keinen raschen Handlungsbedarf.

Erster Verhandlungstermin geplatzt

Den ersten Verhandlungstermin ließen die drei geladenen Vertreter von Radio Vatikan prompt wegen eines Formalfehlers platzen. Nun will die römische Staatsanwaltschaft einen zweiten Anlauf unternehmen, der Prozessbeginn wird sich dadurch allerdings frühestens auf Oktober verschieben.

Unterdessen haben sich dem Verfahren auch einige Zivilkläger angeschlossen. Der zweifellos Prominenteste unter ihnen ist der italienische Umweltminister Willer Bordon.

Eine Bürgerinitiative strebt einen weiteren Prozess gegen Radio Vatikan an: Diesmal soll die Anklage auf fahrlässige Tötung lauten.