Comeback der Notenblätter
Die gemeinfreie Musiknotendatenbank des kanadischen International Music Score Library Projects [IMSLP], die nach einer Klagedrohung eines österreichischen Musikverlages monatelang offline war, ist wieder im Netz.
"Wir glauben weiterhin daran, dass der Zugang zu unserer Kultur ein fundamentales Recht jedes Menschen ist", schrieb IMSLP-Gründer Edward W. Guo in einem offenen Brief zur Wiederaufnahme der gemeinfreien Musiknotensammlung auf Wiki-Basis zum kanadischen Nationalfeiertag am 1. Juli.
Der kanadische Student, der auch unter dem Namen "Feldmahler" auftritt, hatte die Partituren Mitte Oktober vom Netz genommen, nachdem die kanadischen Anwälte des österreichischen Musikverlags Universal Edition die Entfernung von nach europäischen Urheberrecht geschützten Werke verlangt hatten und ihm eine Klage wegen Urheberrechtsverletzungen in Aussicht stellten.
Er habe als "normaler Student weder die Energie noch das notwendige Geld" mit der Sache umzugehen, schrieb Guo damals.
Unterschiedliche Schutzfristen
Anders als in Kanada, wo Werke von Autoren und Komponisten 50 Jahre nach deren Tod gemeinfrei werden und in die Public Domain übergehen, gilt in Europa eine Schutzfrist von 70 Jahren. Darauf hatten sich die Anwälte des Wiener Verlages berufen.
Der Musikverlag forderte über seine Anwälte, dass europäische Nutzer über IP-Filtermechanismen am Zugriff auf die von ihm vertretenen, in Europa noch geschützten Werke gehindert werden müssen, und dass der Upload von Werken, die nach europäischen Recht noch unter eine Schutzfrist fallen, künftig unterbunden werden soll.
Mehr als 16.000 Notenblätter
Nun sind die mehr als 16.000 Notenblätter, die entweder nach kanadischen Recht bereits gemeinfrei sind, oder unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht wurden, wieder frei zugänglich.
In einem Disclaimer werden die IMSLP-Nutzer vor dem Herunterladen von Partituren darauf aufmerksam gemacht, dass die Betreiber keine Garantie dafür übernehmen, dass die Rechte an den Werken überall gemeinfrei sind. Es obliege den Nutzern, das zu überprüfen. Diese seien dazu aufgefordert, die Urheberrechte zu achten.
Der IMSLP-Gründer bedankte sich in dem offenen Brief für die Unterstützung, die er unter anderem von Free-Software-Foundation-Gründer Richard Stallman, vom kanadischen Rechtswissenschaftler Michael Geist, der auf den Fall im vergangenen Oktober in einem Kommentar auf der BBC-Website aufmerksam machte, und Creative-Commons-Mitbegründer Lawrence Lessig erhalten habe.
"Kein Ehrgeiz zu prozessieren"
Die vom 1901 in Wien gegründeten Musikverlag geforderten IP-Filtermechanismen wurden nicht implementiert. Auch der Upload von nach europäischen Recht geschützten Werken ist weiterhin möglich.
Man habe zur Kenntnis genommen, dass die Datenbank wieder online sei, sagte Jonathan Irons, der bei Universal Edition für Promotion, Publishing und Sales zuständig ist, zu ORF.at.
Ob der Verlag auch weiterhin rechtliche Schritte gegen das Projekt plane, ließ er offen: "Das ist Sache der Geschäftsführung." Universal Edition habe keinen Ehrgeiz zu prozessieren, sei jedoch verpflichtet, die Rechte seiner Autoren und Komponisten zu schützen, so Irons.
Zusammenarbeit mit Verlagen
Das International Music Score Library Project verstehe sich nicht als Antithese zu Musikverlagen, stellte Guo in dem offenen Brief fest. Ebenso wie diese sei auch das IMSLP am Vertrieb und der Promotion von Musik interessiert.
Eine Zusammenarbeit mit Musikverlagen bei der Promotion neuer Musik könne er sich durchaus vorstellen, schrieb der IMSLP-Gründer. Guo kündigte an, dass er auch daran arbeite, demnächst einen Spiegel der Datenbank über das Project Gutenberg verfügbar zu machen.
"Nicht mehr ruhig stellen lassen"
Das IMSLP werde sich weiterhin gegen Organisationen wehren, die versuchen, die ohnehin schon geschrumpfte Public Domain weiter einzuschränken, kündigte Guo in dem Schreiben an: Das neu organisierte Projekt werde sich nicht mehr so einfach ruhigstellen lassen.
(futurezone | Patrick Dax)
