Im Reich der Wikikraten

24.06.2008

Fünf Europäer, sechs Amerikaner, zwei Kanadier, ein Australier und ein Israeli haben bis zum 21. Juni um den Vorsitz im Kuratorium der Wikimedia Foundation gebuhlt. Die digitalen Urnen schlossen am Samstag, derzeit wird ausgezählt. Das Ergebnis soll am Donnerstag bekanntgegeben werden.

In Berlin trafen einander am Wochenende die Mitglieder von Wikimedia Deutschland in der brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, um Mathematiker dazu zu bewegen, sich als Autoren für die deutschsprachige Wikipedia zu betätigen. Der Ausgang der Wahl zum Wikipedia-Kuratorium war dabei kaum ein Thema.

Es sei sehr ruhig zugegangen, meint auch Sue Gardner, seit 2007 geschäftsführende Direktorin der in San Francisco beheimateten Wikimedia Foundation. Im Grunde genommen diene die diesjährige Wahl wohl eher als Stimmungsbarometer - vor allem, was die Themen und die zukünftige Ausrichtung angeht, denn schließlich wollte diesmal keiner der Kandidaten Werbung auf der Wikipedia ausdrücklich ausschließen.

Auch Sue Gardner nicht. Werbung bleibe für sie jedoch noch immer der letzte Schritt, denn ihrer Meinung nach sollte das Wikipedia-Universum weiterhin eine Wohltätigkeitsorganisation bleiben, die von Freiwilligen betrieben und betreut wird. So weit es eben geht.

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Professionelle Spendenverwaltung

Seit letztem Jahr beschäftigt die Wikimedia Foundation in den USA Juristen und Finanzexperten, und auch das Sammeln von Spenden wurde mittlerweile auf professionelle Beine gestellt.

Seitdem funktioniere auch die Finanzierung besser, so Sue Gardner. Erstmals könne man sich darum kümmern, den Spendern der letzten Jahre auch persönlich zu danken, und allein das, so ihre Erfahrung, führe dazu, dass in den USA vermehrt größere Schecks ausgestellt werden.

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Wachstum hat seinen Preis

Seitdem die Wikimedia Foundation im Jahr 2001 gegründet wurde, hat sich einiges getan im Wikiland. Es kamen nicht nur zahlreiche Projekte dazu, wie WikiNews, die Multimediadatenbank Wikimedia Commons und WikiSearch, auch die Organisationsstrukturen wurden professioneller.

Seit 2007, so Sue Gardner, werden die Posten systematisch besetzt und nicht mehr einfach nur nach aktuell dringendem Bedarf und auch nicht mehr nur aus dem Umfeld von Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales.

Aber mit dem Wachstum und der Professionalisierung der Organisation kam auch der tägliche bürokratische Kleinkrieg, und die Probleme mit dem Prinzip "Basisdemokratie" nehmen merklich zu.

Jede Entscheidung der US-Stiftung wird kritisch beäugt. Manchen stößt es sauer auf, dass der Mitbegründer Jimmy Wales dort einen Sitz auf Lebenszeit zugesagt bekam. Andere beschweren sich über die im April veröffentlichte Ankündigung der Foundation, dass sie die Strukturen bis zum nächsten Wahlgang 2009 verändern will.

Die Wikipedia-Regierung

Nicht mehr sieben, sondern zehn Personen werden nach der Restrukturierung im Kuratorium einen Sitz innehaben. Fünf bestimmt das Kuratorium selbst, drei davon werden von der Gemeinschaft gewählt und zwei sollen von den nationalen Vereinen ernannt werden, die unter Wikimedianern als "Chapters" bezeichnet werden.

Löschen sorgt für Qualität

Für einen dieser Chapter-Sitze, so Philipp Birken, Vorstandsmitglied im Verein Wikimedia Deutschland, dürften sich die Mitglieder seines Vereins mehr interessieren als für die derzeitigen Wahlen. Es gab zwar einen Kandidaten, der in Deutschland lebt, Ting Chen, geboren in Shanghai, aber andere deutschsprachige Wikimedianer suche man vergebens auf der Kandidatenliste.

"Derzeit engagieren sich die deutschsprachigen Wikimedianer lieber im eigenen Verein, anstatt international aktiv zu werden", kommentiert das Philipp Birken. Auf dem Berliner Kongress wurde er als besonders engagierter deutscher Wikimedianer lobend hervorgehoben. "Qualität", so die Beschreibung auf der Vereinsseite, sei sein Schwerpunkt. Und Qualitätssicherung hat für ihn vor allem etwas mit Löschen zu tun. "Das Löschen ist ein ganz zentrales Werkzeug der Qualitätssicherung", so Birken.

Wachsame Administratoren

Derzeit gebe es etwa 1.000 bis 1.500 Schnelllöschanträge pro Tag, so Philipp Birken. Gegen diese kann die Gemeinschaft Einspruch erheben und sie kann durch Korrekturen dafür sorgen, dass ein Artikel erhalten bleibt. Nur die Kriterien für den Erhalt eines Artikels wie etwa "Relevanz" und "kulturelle Bedeutung" sind derartig vage formuliert, dass sie für einen neuen Autor kaum hilfreich sein dürften.

Seit kurzem scheint auch die Länge eines Artikels und weniger seine Qualität als Löschkriterium herangezogen zu werden. Lange Artikel, so Philipp Birken dann auch bei seinem Vortrag in Berlin, sollten woanders, aber nicht in der deutschen Wikipedia abgelegt werden. In letzter Instanz entscheiden die 200 Administratoren über den Verbleib eines Artikels. Generell seien in der deutschen Wikipedia meist Männer aktiv, alleinstehend, zwischen 20 und 35 Jahre alt, so die Statistik von Philipp Birker.

Er führe noch keine Statistik darüber, in welcher Ausgabe der Wikipedia am meisten gelöscht wird, sagt Philipp Birken im Gespräch mit ORF.at, aber er könne sich durchaus vorstellen, dass die deutsche Wikipedia in dieser Hinsicht an der Spitze stehe. Er selbst würde an die 25 Prozent der Einträge in der englischsprachigen Wikipedia schlicht und einfach löschen.

"Ja, das ist mein persönlicher, nicht durch Statistiken fundierter Eindruck von den Themen in der englischen Wikipedia und von der Eingangsqualität, die dort noch als akzeptabel gesehen wird", so Birken.

Club Wikipedia

Auf diese Einschätzung hin angesprochen, rettet sich Sue Gardner in die Diplomatie. Es gebe keine offiziellen Vergleiche darüber, ob die Inhalte in der deutschen Wikipedia deswegen wirklich besser seien, so Gardner, aber man erzähle sich über die Deutschen in der internationalen Wikimedia-Gemeinschaft Anekdoten: Im Gegensatz zu anderen Wikipedia-Projekten, die mit weiter verbreiteten Sprachen arbeiteten, habe sich rund um die deutschsprachige Wikipedia eine Art geschlossene Gemeinschaft entwickelt.

Schon allein deswegen, so Gardner, könnten Normen dort viel leichter durchgesetzt werden als anderswo. Es könne sein, dass die deutschsprachige Wikipedia besser organisiert sei als andere Teile der freien Enzyklopädie und damit vielleicht auch qualitativ besser. Aber das seien eben nur Spekulationen. Der Beweis dafür fehle.

Gesicherte Qualität

Philipp Birken ließ sich vor kurzem ein neues Werkzeug zur Qualitätssicherung einfallen. Seit dem 6. Mai gibt es im deutschsprachigen Wikiland Sichter. Exakt 3.250 Sichter, so Birken, die Beiträge prüfen und mit einem Gütesiegel, einem kleinen gelben Auge, als "gesichtet" markieren sollen. Man könnte dieses System auch als eine Art TÜV für die deutsche Wikipedia bezeichnen.

Es bleibt abzuwarten, wohin die deutsche Wikipedia mit derartigen Maßnahmen steuert, international gesehen, so Sue Gardner, gilt für Wikipedianer noch immer der Grundsatz: "Break the rules." Und nach wie vor steht es jedem frei, sich zu engagieren und selbst zu versuchen, die Abläufe zu beeinflussen. Entweder indem man sich einem der zahlreichen WikiVereinen anschließt, oder sich hinsetzt und bis zur nächsten Wahl im Juli 2009 600 Beiträge bearbeitet. So viele editorische Eingriffe muss man nämlich vorgenommen haben, um aktives und passives Wahlrecht zu erhalten.

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(futurezone | Mariann Unterluggauer)