Wikipedia auf finanzieller Gratwanderung

24.03.2008

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia finanziert sich seit ihrer Gründung im Jahr 2001 über Spenden ihrer Nutzer-Community. In letzter Zeit wird aber immer öfter über den Einsatz von Werbung diskutiert und über Zuschüsse von Risikokapitalgebern spekuliert.

Wikipedia findet sich unter den zehn meistbesuchten Websites in den USA und ist dabei die einzige Non-Profit-Einrichtung unter Branchenriesen wie Google, Yahoo, Microsoft und Amazon. Anders als diese basiert die Existenz des Projekts jedoch auf der Arbeit freiwilliger Mitarbeiter und Spendengeldern aus der Community.

Durch dieses Prinzip hat die Plattform weitaus weniger finanzielle Schlagkraft als ihre Web-Konkurrenz. Immer wieder werden deshalb Wege diskutiert, wie das Projekt mehr Geld - etwa mit Online-Werbung - einnehmen könnte, ohne dabei gegen seine Philosophie zu verstoßen.

Wirklich schlecht ist die finanzielle Situation auch jetzt nicht: Im vergangenen Jahr betrugen die Geldspenden rund 2,2 Mio. Dollar [2006: 1,3 Mio.]. Heuer liegt das Budget der Foundation bereits bei 4,6 Millionen Dollar. Auch wenn es sich damit haushalten lässt, sorgen sich viele Kontributoren, dass die finanzielle Situation auf Dauer kein langfristiges Bestehen der Organisation sichern kann.

Neuausrichtung mit Sue Gardner

In den letzten Monaten hat die Foundation bereits eine Neuausrichtung erfahren: Sue Gardner wurde im Dezember 2007 zur neuen Chefin, erweiterte das Team von zehn auf 15 Mitarbeiter und veranlasste einen Umzug von St. Petersburg [Florida] nach San Francisco.

Gardner will auch professionelle "Fundraiser" anheuern und die Beziehungen zu den Wikipedia-Förderern verbessern. Bis 2010 soll die Belegschaft gar auf 25 Angestellte ausgeweitet werden - das Budget soll dann rund sechs Millionen Dollar betragen.

Gardner äußerte sich bereits gegen den Einsatz von Werbung und betonte, dass diese Option für sie nur infrage käme, wenn man sonst vor dem Aus stünde. Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales hatte zuletzt gemeint, dass das Thema Werbung besser analysiert werden müsse, um in konkreten Zahlen zu erfahren, was man sich bisher entgehen lasse.

"Das System hat Stärken und Schwächen", hat Wales immer wieder betont. Nichts werde einfach so entschieden, ohne davor gründlich darüber zu diskutieren. Der Nachteil daran sei aber, dass nichts gemacht werden könnne, bevor eine endgültige Entscheidung gefällt worden sei.

Risikokapital von Bono

Interesse an der Wikimedia Foundation scheint auch die Risikokapitalfirma Elevation Partners zu haben, die von keinem Geringeren als U2-Sänger Bono mitgegründet wurde. Elevation Partners hält unter anderem Anteile am Magazin "Forbes" und dem Smartphone-Hersteller Palm.

Ein weiteres Gründungsmitglied, Roger MacNamee, hat bisher rund 300.000 Dollar an die Foundation gespendet, wie ein ehemaliges Mitglied offenlegte. Zudem habe er der Gruppe Leute vorgestellt, die separat Geschenke im Wert von 500.000 Dollar gemacht haben sollen. Gardner betonte aber, dass McNamee als Privatperson gehandelt habe, weil er ein Fan des Projekts sei.

Bono soll Wales zudem nach einem U2-Konzert in Mexiko-Stadt vorgeschlagen haben, auf der Basis der von freiwilligen Helfern geschriebenen Wikipedia-Artikel aufzubauen und Experten zu engagieren, die diesen Content "veredeln", so Augenzeugen. Wales betonte, dass keine Geschäfte mit Elevation Partners geplant seien, das Interesse dürfte aber eindeutig da sein.

Nicht alle Vorstandsmitglieder der Wikimedia Foundation stehen etwa gewinnbringenden Nebenprojekten wie der Suchmaschine Wikia positiv gegenüber.

(futurezone | AP)