Mobile Fingerprint-Erfassung bei der EM
In der Schweiz haben die Kantonspolizeibehörden rund um die EM den mobilen Abgleich von Fingerabdrücken aufgenommen. Nicht so in Österreich: Die Hooligan-Datenbank des Innenministeriums kommt ohne Fingerabdrücke aus und umfasst gerade einmal 92 Personen.
Kurz vor der Euro 2008 wurde in der Schweiz mit der mobilen Erfassung von Fingerabdrücken durch kantonale Polizeibehörden und Zoll begonnen.
Es sei nicht extra wegen der EM ein neues Fingerprint-System angeschafft worden, sondern ein bestehendes Fingerabdruck-Identifizierungssystem [AFIS] sei um eine mobile Komponente erweitert worden, sagte Daniele Bersier von der Schweizer Bundespolizei zu ORF.at.
Seit 2002 in Betrieb
Zwei-Finger-Überprüfungen mit stationären Geräten würden schon seit der Einführung des SWISS AFIS im Jahr 2002 durch das Grenzwachtkorps und die kantonalen Polizeikorps durchgeführt.
Die mobilen Systeme seien aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten eine logische Ergänzung und könnten auch für Personenkontrollen im Zusammenhang mit der Euro 2008 verwendet werden.
Das AFIS von Fedpol
Betrieben wird die Datenbank vom Schweizer Bundesamt für Polizei [alias Bundespolizei alias Fedpol], direkten Zugriff auf die Fingerabdruck-Datenbank haben nur Mitarbeiter des AFIS-Service.
Anfragen können Kantonspolizei und eidgenössische Zollverwaltung stellen, das Bundesamt für Migration und die schweizerischen Vertretungen im Ausland.
Zwei bis zehn Finger
Die Datenbank enthält etwa 720.000 Datensätze, die aus je zwei Fingerprints bestehen, 29.000 Einträge umfassen zehn Finger, Handballen und Handkanten, dazu kommen 34.000 Einträge über an Tatorten aufgefundene Spuren, die naturgemäß noch keiner Person zugeordnet sind.
Im Jahr 2007 wurden 28.000 Personenidentifikationen mittels Zweifingerverfahren und 11.200 Zehn-Finger-Identifikationen durchgeführt, schreibt Bersier an ORF.at.
Biometrie von Motorola
Fedpol war eine der ersten europäischen Polizeibehörden, die ein zentrales automatisches Fingerabdruck-Identifizierungssystem eingeführt hatten. Damals wie heute setzte man auf eine AFIS-Lösung des US-Herstellers Motorola, der keineswegs nur die mobilen Komponenten liefert.
Wie allgemein wenig bekannt ist, stellen Biometrieprodukte unter dem Markenzeichen "Printrak" eines der drei zentralen Geschäftsfelder des in der Öffentlichkeit gemeinhin als Handyhersteller firmierenden Unternehmens dar.
Prozedere nicht bekannt
Die Datenerfassung besorgt ein mobiler Fingerprint-Scanner von Motorola, der die Daten auch verschlüsselt und dann drahtlos an die zentrale Datenbank zum Abgleich übermittelt.
Wie genau das geschieht - ob der Scanner etwa ein GPRS/UMTS-Modul enthält oder ob ein zusätzliches Handy nötig ist -, war weder bei der Kantonspolizei Zürich noch bei Motorola Deutschland bis zum Redaktionsschluß dieses Artikels zu erfahren.
Seit 2002 wird Motorolas Technologie in der Schweiz landesweit an Grenzkontrollpunkten eingesetzt.
Mobile Fingerprint-Erfassung im UK
In Großbritannien ist die zweite Phase eines Projekts mit dem Namen "Lantern" zur mobilen Identifizierung angelaufen. Die Ergebnisse des ersten Feldversuchs sahen laut der für das System zuständigen National Policing Improvement Agency [NPIA] folgendermaßen aus.
Bei einer durchnittlichen Transaktionszeit von zwei Minuten brachten die ersten 10.000 Überprüfungen eine Trefferquote von 50 Prozent.
Das heißt, es konnte die Hälfte aller biometrisch überprüften Personen anhand der Fingerabdrücke identifiziert werden, etwa acht Millionen Briten sind in einer zentralen Fingerprint-Datenbank bereits erfasst.
Kennzeichenscan und Fingerprint
Diese extrem hohe Trefferrate beim mobilen biometrischen Abgleich erklärt sich dadurch, dass die Technologie bis jetzt nur in Zusammenhang mit automatischer Autokennzeichenkontrolle zum Einsatz kommt.
Die elektronisch eingelesenen Kennzeichen werden mit der Fahrzeughalter-Datenbank abgeglichen, dabei wird etwa kontrolliert, ob der Besitzer des Wagens auch über einen gültigen Führerschein verfügt oder ob der Wagen gestohlen ist.
Das heißt, bis jetzt werden mit Kennzeichenscan und mobiler Fingerprint-Erfassung neben Autodieben vor allem Fahrzeuginhaber gejagt, die sich trotz Führerscheinentzugs wieder ans Steuer setzen.
Auch gegen Hooligans
Mobile Biometrieerfassung werde hier vor allem deshalb eingesetzt, weil bei diesen Personengruppen der Anteil jener, die mit gefälschten Papieren unterwegs seien, besonders hoch sei, heißt es seitens der NPIA.
Die Technologie könne nach ihrer landesweiten Einführung für Verkehrskontrollen auch auf anderen Gebieten der Strafverfolgung eingesetzt werden, zum Beispiel gegen Fußball-Hooligans.
Keine Fingerprints von Hooligans
Die österreichische Polizei setze keine Mobilgeräte zur Fingerprint-Erfassung ein, sagte Alexander Marakovits, der für die Euro 2008 zuständige Pressesprecher des Innenministeriums.
Die Hooligan-Datenbank des Innenministeriums sei rund um die Euro zwar auf mehrere tausend Einträge über gewaltbereite Fans angeschwollen, enthalte aber keine Fingerabdruckdateien.
92 Datensätze
Nach der EM würden die von anderen europäischen Polizeibehörden stammenden Datensätze wieder gelöscht, sagte Marakovits.
Insgesamt umfasse die Hooligan-Datenbank gerade einmal 92 Österreicher, die in Zusammenhang mit Fußball bereits als gewalttätig aufgefallen seien. "Das spricht schon für unser Land", meinte Marakovits, genauso wie die verschwindend geringe Anzahl an Zwischenfällen für die sorgfältige Vorbereitung auf die EM spreche.
Keine Verschlüsselung im Netz
Was den Einsatz moderner Technologien bei der Schweizer Polizei betrifft, so beherrscht man beim mobilen Fingerprint-Abgleich zwar Verschlüsselungstechnologien, in der Internet-Kommunikation ist man allerdings noch nicht so weit. Beim Kontaktformular auf der Website der Fedpol findet sich nämlich folgender Hinweis:
"Wir können für die Kommunikation keine Verschlüsselung anbieten. Bei der Übermittlung von Informationen per Fax, E-Mail oder via Web-Formulare ist die Vertraulichkeit nicht gewährleistet. Bitte senden Sie uns sensible und nicht anonymisierte Informationen per Briefpost."
(futurezone | Erich Moechel)
