Weltgipfel der Informationsgesellschaft
Nach dem Krach mit Washington um die Macht im Internet blickt die internationale Netzwelt nach vorn. Die ausgehandelte Kompromissformel für eine leichte "Internationalisierung" des von den USA beherrschten Internet verhinderte ein Scheitern des UN-Treffens, das heute zu Ende geht.
Nach dem Gipfel kann UN-Generalsekretär Kofi Annan nun das vereinbarte internationale Diskussions-Forum zu Problemen der Internet-Politik auf den Weg bringen.
Nicht nur die Amerikaner sind zufrieden, weil sie nach ihrer Blockadedrohung die Hand weiter auf dem Netz behalten und Vorstöße von Staaten wie China und dem Iran abgewehrt haben. Die Europäer sowie der senegalesische Präsident und afrikanische Internet-Vorreiter Abdoulaye Wade werteten den Gipfel als Schritt zu mehr Demokratie und Transparenz im Netz.
"Die Top-Domänen-Verteilung [.AT, .DE etc] wird dezentraler auf Länderebene entschieden und nicht mehr in den USA", erläuterte Wade. Die EU verwies ebenfalls darauf, dass kein Land mehr die Kontrolle über die Länder-Domäne eines anderen haben soll.
USA bleiben oberster Netz-VerwalterDer "digitale Solidaritätsfonds"
In dem neuen Internet-Forum dürfte es zu heißen Debatten kommen - zumal Washington hinnehmen muss, dass es die Vereinten Nationen sind, die diesen "Prozess verstärkter Zusammenarbeit" nun anstoßen.
Nur langsam füllt sich der "digitale Solidaritätsfonds", den der senegalesische Präsident auf den Weg gebracht hat, um den Graben zwischen Arm und Reich bei der Informationstechnologie zu schließen.
Eingezahlt wird ausschließlich auf freiwilliger Basis, alles andere hatten die reichen Länder abgelehnt. Unter den Geldgebern mangelt es bisher vor allem noch an Unternehmen. "Entwicklungshilfe allein kann das Problem nicht lösen, wir brauchen die Zusammenarbeit mit dem privaten Sektor", betonte Staatssekretär Bernd Pfaffenbach vom deutschen Wirtschaftsministerium in Tunis.
"...den Faden weiterspinnen"
Der zweite Weltinformationsgipfel - nach dem ersten 2003 in Genf
- diente als Trainingslager für jene Drittweltländer, die den
Anschluss suchen. Und er konnte den Blick der Unternehmen für die
elementaren Bedürfnisse und Infrastrukturen der armen Länder
schärfen: "Ein Forum, das nicht alle Probleme lösen, den Faden aber
weiterspinnen konnte", wie es ein europäischer Diplomat formulierte.
Morak zufrieden mit ICANN-KompromissGastgeber am Pranger
Die perfekte Gipfel-Organisation nutzte nichts, am Pranger stand der tunesische Gastgeber wegen seiner Menschenrechtsverletzungen und der massiv eingeschränkten Pressefreiheit.
Nicht nur der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi bot sich damit die Chance, auf die Gefahren der Internet-Zensur und staatlichen Vorgehens gegen Cyber-Dissidenten in der Welt aufmerksam zu machen. Und das war letztlich auch ein Argument dafür, sehr umsichtig bei einer "Internationalisierung" der Internet-Verwaltung vorzugehen.
