Verhärtete Fronten im ICANN-Disput
In einem Brief forderten US-Außenministerin Condoleezza Rice und US-Handelsminister Carlos Gutierrez die derzeitige britische EU-Ratspräsidentschaft auf, ihren Vorschlag zu einer alternativen Internet-Verwaltung zurückzuziehen, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.
Die EU solle ihre neue Position zur "Internet Governance" überdenken und mit den USA "zusammenarbeiten, um alle am Nutzen der Informationsgesellschaft zu beteiligen", so Rice und Gutierrez. Eine bürokratisierte Oberaufsicht sei fehl am Platz.
Die EU will ihrerseits die "Internet-Regierung" ICANN dem Einfluss der USA entziehen und die Verwaltung einem internationalen Gremium übertragen. Dafür wurde unter anderem auch immer wieder die Internationale Telekommunikations-Union [ITU], die bereits den Telefonverkehr regelt, ins Spiel gebracht.
Seit 1998 hat die US-Organisation ICANN [Internet Corporation for Assigned Names and Numbers] die einzige Oberaufsicht über das weltweite Netz inne. Sie legt etwa Länder-Domains wie .at und .eu fest und hat die technische Oberaufsicht über das Domain-Name-System [DNS].
Die Tätigkeiten der ICANNWer hat das Schlusswort?
Bei allem Streit geht es weniger um die technischen Entscheidungen, sondern vor allem darum, wer zum Schluss im World Wide Web das Sagen haben soll.
Die ICANN ist zwar theoretisch unabhängig, trotzdem durch ein "Memorandum of Understanding" an das US-Handelsministerium gebunden und unterliegt kalifornischem Recht. Zuletzt haben die USA bei der ".xxx"-Domain ihren Einfluss spielen lassen, die Einführung der für sexuelle Inhalte geplanten Domain wurde vorerst auf Eis gelegt.
Bis Mitte nächsten Jahre sollte die ICANN eigentlich in die Unabhängigkeit entlassen werden, doch die USA haben zuletzt immer wieder deutlich gemacht, dass sie nicht daran denken. Die USA, unterstützt durch Australien, fürchten, dass etwa Länder wie China und der Iran, die ihrerseits eine sehr strikte Netz-Politik exekutieren, ein etwa von der UNO geführtes System schwächen könnten.
Ab Mittwoch beraten rund 17.000 Teilnehmer in Tunis beim zweite Weltgipfel zur Informationsgesellschaft nicht nur die zukünftige Rolle der ICANN, sondern auch andere wichtige Themen wie die Verbreitung der Informationstechnologie in den ärmeren Ländern dieser Welt.
"Internet-Regierung" auf dem Prüfstand"Sinnlose" Diskussion
Für die Entwickler des dezentralisierten Internets selbst ist die Idee einer ICANN-Übernahme sinnlos. "Da gibt es nichts zu kontrollieren, es gibt viele andere Dinge, an denen die Regierungen dieser Welt wirklich arbeiten sollten", meint etwa Robert Kahn, der zusammen mit Vint Cerf die Basis des heutigen Internets in Form des TCP/IP [Transmission Control Protocol/Internet Protocol] entwickelte, gegenüber der "New York Times" ["NYT"].
Das DNS-System sei nicht der Herzschlag des Internets, sagt Leonard Kleinrock, der ebenfalls bei der Entwicklung des Paketdatenverkehrs mitforschte.
Cerf, seit neuestem Angestellter bei Google und ICANN-Vorsitzender, meinte zur "NYT", dass die Komplexität der zu Grunde liegenden Technologien bei Debatten über den Internet-Betrieb auf politischer Ebene nur Frust erzeugen würde.
Als Beispiel nannte er etwa die Internationalisierung der Domain-Namen, die auf Druck vieler Staaten länderspezifisch eingeführt wurden.
Umlaut-Domains schaffen Inseln im Netz
