15.11.2005

WORLD SUMMIT

Verhärtete Fronten im ICANN-Disput

In einem Brief forderten US-Außenministerin Condoleezza Rice und US-Handelsminister Carlos Gutierrez die derzeitige britische EU-Ratspräsidentschaft auf, ihren Vorschlag zu einer alternativen Internet-Verwaltung zurückzuziehen, berichtet die Nachrichtenagentur AFP.

Die EU solle ihre neue Position zur "Internet Governance" überdenken und mit den USA "zusammenarbeiten, um alle am Nutzen der Informationsgesellschaft zu beteiligen", so Rice und Gutierrez. Eine bürokratisierte Oberaufsicht sei fehl am Platz.

Die EU will ihrerseits die "Internet-Regierung" ICANN dem Einfluss der USA entziehen und die Verwaltung einem internationalen Gremium übertragen. Dafür wurde unter anderem auch immer wieder die Internationale Telekommunikations-Union [ITU], die bereits den Telefonverkehr regelt, ins Spiel gebracht.

Wer hat das Schlusswort?

Bei allem Streit geht es weniger um die technischen Entscheidungen, sondern vor allem darum, wer zum Schluss im World Wide Web das Sagen haben soll.

Die ICANN ist zwar theoretisch unabhängig, trotzdem durch ein "Memorandum of Understanding" an das US-Handelsministerium gebunden und unterliegt kalifornischem Recht. Zuletzt haben die USA bei der ".xxx"-Domain ihren Einfluss spielen lassen, die Einführung der für sexuelle Inhalte geplanten Domain wurde vorerst auf Eis gelegt.

Bis Mitte nächsten Jahre sollte die ICANN eigentlich in die Unabhängigkeit entlassen werden, doch die USA haben zuletzt immer wieder deutlich gemacht, dass sie nicht daran denken. Die USA, unterstützt durch Australien, fürchten, dass etwa Länder wie China und der Iran, die ihrerseits eine sehr strikte Netz-Politik exekutieren, ein etwa von der UNO geführtes System schwächen könnten.

"Sinnlose" Diskussion

Für die Entwickler des dezentralisierten Internets selbst ist die Idee einer ICANN-Übernahme sinnlos. "Da gibt es nichts zu kontrollieren, es gibt viele andere Dinge, an denen die Regierungen dieser Welt wirklich arbeiten sollten", meint etwa Robert Kahn, der zusammen mit Vint Cerf die Basis des heutigen Internets in Form des TCP/IP [Transmission Control Protocol/Internet Protocol] entwickelte, gegenüber der "New York Times" ["NYT"].

Das DNS-System sei nicht der Herzschlag des Internets, sagt Leonard Kleinrock, der ebenfalls bei der Entwicklung des Paketdatenverkehrs mitforschte.

Cerf, seit neuestem Angestellter bei Google und ICANN-Vorsitzender, meinte zur "NYT", dass die Komplexität der zu Grunde liegenden Technologien bei Debatten über den Internet-Betrieb auf politischer Ebene nur Frust erzeugen würde.