Im Netz regieren uralte Verhaltensmuster
Im Internet haben sich offenbar ganz von selbst uralte, aber in der Evolution bewährte Verhaltensmuster etabliert.
Die beiden österreichischen Spieltheoretiker Karl Sigmund [Universität Wien] und der an der Harvard University in Cambridge [US-Bundesstaat Massachusetts] lehrende Martin A. Nowak vergleichen in der jüngsten Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Nature" die Regeln der boomenden Online-Versteigerungs-Plattformen mit sehr ursprünglichen Verhaltensweisen der menschlichen Gesellschaft.
Die Spieltheoretiker arbeiten bei ihren Forschungen mit mathematischen Modellen, mit denen sie unter anderem die Evolution von Verhaltensweisen studieren. Lange Zeit war es ein Rätsel, wie sich Selbstlosigkeit [Altruismus] im Laufe der Entwicklung durchsetzen konnte, auch wenn der Einzelne keinen direkten Nutzen davon hat. Im Computer können binnen Kurzem Jahrhunderte und Jahrtausende nachgestellt werden.
Selbstloses Verhalten von Vorteil
"So zeigt sich immer wieder, dass selbstloses Verhalten unter bestimmten Umständen für die ganze Gesellschaft von Vorteil ist", erklärt Sigmund. Solch selbstloses Verhalten wäre beispielsweise, wenn Person A Person B hilft - Essen gibt, den Rücken entlaust, etc. -, ohne dass B seinem Gönner hilfreich ist.
Auch Dritten gegenüber selbstlos
Sinnvoll ist es etwa dann, wenn B gegenüber Dritten auch
selbstlos ist und A das weiß. Anders ausgedrückt, A hilft B, weil B
ein guter Kerl ist. Von solcher Selbstlosigkeit hat nachweislich die
ganze Gesellschaft etwas.
2,4 Millionen Österreicher shoppen onlineWirtschafts-Nobelpreis an Spieltheoretiker
Wenig sinnvoll ist dagegen selbstloses Verhalten, wenn es unreflektiert passiert. Wenn Menschen anderen gleichsam nach dem Gießkannenprinzip helfen, so fördert dies Schmarotzertum, was wiederum langfristig der Gemeinschaft schadet.
Mittlerweile haben Ökonomen die Erkenntnisse der Spielforscher entdeckt und bauen sie in ihre eigenen Modelle ein. Der Wirtschafts-Nobelpreis ging heuer bereits das zweite Mal an die beiden Spieltheoretiker Robert Aumann und Thomas Schelling.
Besonders interessant sind für Sigmund diverse Internet-Auktionsplattformen. Hier haben sich in den vergangenen Jahren Strukturen entwickelt, welche die Theorien der Spielforscher weitgehend bestätigen. So können User - Käufer wie Verkäufer - von den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft beurteilt werden.
Kurzfristiger Nachteil, langfristiger Vorteil
Ist einer davon ein notorischer Schmarotzer, der etwa falsche
Angaben über seine Produkte macht, so spricht sich das schnell
herum, er wird nichts mehr verkaufen. Ist man dagegen ehrlich, indem
man beispielsweise den Defekt eines Gerätes vor dem Verkauf angibt,
kann man kurzfristig zwar einen Nachteil haben, langfristig bleibt
man aber im Geschäft.
EBays Kampf gegen unlautere AuktionenDas Internet und die Steinzeit
Der Vergleich ist eigentlich nahe liegend, da es im Internet in gewisser Hinsicht ähnlich zugeht wie in steinzeitlichen oder noch älteren Kulturen.
So gibt es keine zentralen Regierungen, kaum Gesetze und auch de facto keine Polizei, die Menschen bzw. User müssen selbst schauen, wie sie miteinander auskommen.
"Es funktioniert über weiter Strecken offenbar ganz gut", ist Sigmund überzeugt. Umgekehrt zeigt die Entwicklung, dass der User auch am modernsten Computer von seinen Genen her eigentlich noch ein Steinzeitmensch ist.
