Generationswechsel für Netzinfrastruktur
Dieser Tage dreht sich auf einer Wiener Konferenz alles um das Thema Next Generation Networks [NGN]. Spezialisten diskutieren die Zukunft der Telekommunikationsinfrastruktur, ein wichtiger Aspekt ist dabei neben der Regulierung auch die Suche nach einem passenden Geschäftsmodell.
Bei der Definition von NGN kamen selbst die Spezialisten bei der vom Institute for International Research [IIR] organisierten Konferenz ins Schwitzen. Generell geht es aber um die Konvergenz der traditionellen Kommunikationsnetze wie Festnetz und Mobilfunk zu einem gemeinsamen, paketbasierenden Netz für alle Anwendungen.
Wesentliches Merkmal der NGN ist, dass einzelne Faktoren wie der Transport, Anwendungen oder Kontrolle auf unterschiedlichen Ebenen [Layers] umgesetzt werden sollen.
Suche nach neuen Einnahmequellen
Die große Herausforderung beim Umbau strich am Dienstag Wolfgang Reichl, Geschäftsführer der Österreichischen Fernmeldetechnischen Entwicklungs- und Förderungsgesellschaft, hervor:
"NGN sollen zum einen Kosten einsparen und zum anderen neue Umsätze bringen. Wir müssen aber erst den richtigen Business-Case finden, um das Netz auszubauen." Wichtige Grundlage für die neuen Netze sei der Wandel von der Kommunikation hin zur Informationstechnologie, den derzeit viele Telekoms durchlebten.
Breitband-Verfügbarkeit fast flächendeckend
Der Leiter des Bereichs Telekom und Post im Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie [BMVIT], Alfred Stratil, betonte zunächst den Erfolg der nationalen Breitbandinitiative, die BMVIT und Regulierungsbehörde im Jahr 2003 begonnen hatten.
Er verwies auf rund 200 Millionen Euro Investitionen, die in den letzten Jahren getätigt worden seien und eine Studie der FH Krems, die Österreich eine nahezu flächendeckende [98 Prozent] Breitband-Verfügbarkeit bescheinige. Stärker gefördert werden müsse hingegen die tatsächliche Nutzung der Dienste.
Regulierung vs. Investitionen?
Als oberstes Investitionshemmnis in die neuen Netze sieht Stratil die herrschende Regulierungsunsicherheit. Auf EU-Ebene gebe es etwa die Pläne zur Trennung von Netzwerken und Services. Eine weitere Unbekannte sei die sogenannte "Super-Behörde", die die EU zu Regulierungszwecken einführen wolle.
"Das steht im Raum und ist nicht geklärt." Generell orte er beim Thema NGN einen "Regulierungsreflex", der gut überlegt gehöre. Die EU-Kommission sehe etwa für sich entwickelnde Märkte [emerging markets] eine Regulierungsfreistellung vor, nun müsse geprüft werden, ob das auf NGN zutreffe. "Die Anwendung alter Regulierungsmodelle auf etwas Neues kann nur bedingt funktionieren", erklärte Stratil.
Als Grundlage für weitere Diskussionen sehe er ein Diskussionspapier der RTR vom letzten Sommer, zu dem derzeit eine Konsultation laufe. Weiters werde ein Eckpunktepapier von BMVIT und RTR erstellt, das zeigen solle, was jetzt schon möglich sei.
Keine "Regulierungsferien" für NGN
Kurt Reichinger, Senior Analyst der Abteilung Technik bei der RTR, betonte zum Thema Regulierung: "Wir wollen nicht alles reflexartig regulieren, was sich am Sektor bewegt." Aus Sicht der RTR werde es bei NGN aber eher keine "Regulierungsferien" geben können.
2008 wolle die RTR einen zielorientierten Diskussionsprozess zum Thema starten und dafür Veranstaltungen und Expertenworkshops organisieren und eine Industrie-Arbeitsgruppe gründen.
"Wir stehen noch ziemlich am Anfang", gab Reichinger zu. NGN habe aber das Potenzial, die Telekom-Landschaft auf den Kopf zu stellen. "Wir gehen da in einen ganz neuen Bereich hinein und sind auf die Kooperation der Betreiber angewiesen", erklärte er und sprach eine Einladung an den Sektor aus, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.
Konsumenten besser informieren
Paul Srna vom Verein für Konsumenteninformation [VKI] durchleuchtete das Thema aus Verbrauchersicht und stellte gleich zu Beginn seines Referats fest: "Dem Konsumenten sagt der Begriff NGN weitestgehend nichts."
Er betonte aber, wie wichtig bei der Einführung neuer Produkte realistische Informationen seien, auf die sich der Kunde auch verlassen könne. Auch schnelle Produktwechsel führten meist nur zu Verunsicherung bei den Konsumenten.
Netzneutralität bleibt offen
Was bei der Konferenz in Wien zumindest am ersten Tag nicht zur Sprache kam, war die Netzneutralität, die Kritiker in NGN-Netzen gefährdet sehen. Die Problematik zeigt sich etwa in den USA, wo erst im Oktober über den Zugang zu den neuen Glasfasernetzen entschieden hat.
Die großen Carrier AT&T, Verizon und Qwest verlangen freie Preisgestaltung. Internet-Firmen wie Google und eBay warnen vor einem Zweiklassennetz, in dem die Netzwerker die Inhalte kontrollieren. Über Sonderverträge erhielten die Provider so nämlich die Kontrolle darüber, welche Portale oder auch Suchmaschinen für den Kunden schneller erreichbar würden als etwa ihre Konkurrenten.
Gegen Deutschland läuft etwa ein Verfahren vor dem EuGH mit dem die EU-Kommission mehr Wettbewerb beim deutschen Hochgeschwindigkeitsinternet VDSL erzwingen will. Streitpunkt ist das Ende Februar 2007 in Kraft getretene Telekom-Gesetz. Es schützt die Deutsche Telekom beim Breitbandzugang auf absehbare Zeit vor Konkurrenz.
"Open Access" in Wien
Nach jahrelangen Pilotprojekten und Machbarkeitsstudien hat die Wien Energie im August offiziell ihr Glasfaserangebot blizznet im Raum Wien gestartet.
Dabei tritt der Wiener Energieversorger als Infrastrukturanbieter auf, baut also das nötige Glasfasernetz. Das Service an sich, also den Internet-Zugang, überlässt man jenen, die es besser kennen und können sollten, unter anderem der Telekom Austria [TA].
(futurezone | Nayla Haddad)
