Bild: ORF.at / Günter Hack

Graustufen in der Nacht des Bewusstseins

07.10.2007

Im Gespräch mit ORF.at erklärt der Neurologe Steven Laureys, warum es wichtig ist, zwischen verschiedenen Arten der Bewusstlosigkeit zu unterscheiden - und wie Computer den Ärzten bei Diagnose und Heilung helfen können.

Anlässlich der vom Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien veranstalteten Vienna Conference on Consciousness 2007 debattierten am vergangenen Freitag Experten aus so verschiedenen Disziplinen wie Neurologie, Philosophie und Kunstgeschichte über den Stand der Forschung zum menschlichen Bewusstsein.

ORF.at traf sich am Rande der Konferenz mit dem belgischen Neurologen Steven Laureys, um darüber zu sprechen, was passiert, wenn Menschen ihr Bewusstsein verlieren und wie Computer den Ärzten dabei helfen können, bewusstlose Patienten präziser zu diagnostizieren.

Steven Laureys, Neurologe

Steven Laureys, wie würden Sie kurz Ihre Arbeit selbst beschreiben?

Ich bin Neurologe. Ich leite die Coma Science Group an der Universität Liege in Belgien. Wir versuchen zu verstehen, wie die Gehirne von Patienten im komatösen Zustand funktionieren.

Manche dieser Patienten tauchen aus dem Koma wieder auf und machen verschiedene Stadien durch, bevor sie ihr Bewusstsein wiedererlangen.

Es ist wichtig, zwischen den verschiedenen Arten der Bewusstlosigkeit zu unterscheiden, weil der Arzt daraus die Chancen auf Genesung ableiten kann.

In seinem Beitrag für die Wiener Konferenz über das Bewusstsein gibt Steven Laureys einen Überblick über die verschiedenen Zustände der Bewusstlosigkeit.

Ist es nicht gleichgültig, in welchem Zustand der Bewusstlosigkeit sich ein Patient befindet?

Ein Laie würde das vielleicht sagen, bis einer seiner Verwandten oder Freunde im Koma liegt.

Welche Zustände der Bewusstlosigkeit unterscheiden Sie?

Da wäre zunächst das Koma. Komapatienten können nicht aufgeweckt werden, auch wenn wir sie stimulieren, öffnen sie ihre Augen nicht.

Das Koma wird einige Tage oder Wochen anhalten. Danach wird es dem Patienten entweder schnell besser gehen oder es wird der Hirntod eintreten. Oder die Patienten werden ihre Augen öffnen, aber nicht bei Bewusstsein sein, sondern nur Reflexe zeigen.

Das Wachkoma [engl.: Persistent Vegetative State; PVS] ist in den 1970er Jahren definiert worden. In diesem Zustand reagieren die Patienten auf Reize mit unbewussten Reflexen.

Steven Laureys ist Mitglied der Arbeitsgruppe der American Academy of Neurology, die Untersuchungsrichtlinien für Patienten im Wachkoma und im MCS erstellt.

Welche Bewusstseinszustände unterscheiden Sie darüber hinaus?

Vor fünf Jahren wurde der minimale Bewusstseinszustand [engl.: Minimally Conscious State; MCS] definiert. MCS-Patienten existieren wie im Wachkoma, sie können uns ihre Gedanken und Gefühle nicht mitteilen, aber ihre Reaktionen gehen über bloße Reflexe hinaus.

Bei MCS-Patienten gibt es manchmal Fälle, bei denen sich die Betroffenen plötzlich wieder erholen. Diese Patienten können sich gezielt bewegen, aber sie können nicht mit dem Arzt sprechen. Es ist sehr wichtig, dass wir besser verstehen lernen, was in ihren Gehirnen vorgeht, damit wir mit ihnen kommunizieren und ihre Heilungschancen verbessern können.

Dann gibt es noch das Locked-in-Syndrom. Diese Patienten sind aus dem Koma erwacht und haben ihr volles Bewusstsein wiedererlangt, können aber oft nur noch ihre Augen bewegen. In der frühen Phase der Behandlung verlieren wir 50 Prozent dieser Patienten.

Um das zu verhindern, suchen wir nach Indikatoren, die darauf hinweisen, dass der Patient bei Bewusstsein ist. Dazu verwenden wir Elektroenzephalographie, Positronen-Emissionstomographie und funktionale Magnetresonanztomographie. Wir testen damit, was passiert, wenn der Patient in Ruhe ist und wie er auf verschiedene Reize reagiert.

Es ist insgesamt sehr schwer, eine korrekte Diagnose zu stellen. Es ist auch sehr schwer, eine Prognose abzugeben, ob ein Patient sich wieder erholen wird oder nicht. Und wir haben keine Behandlungsmethoden.

Welche Probleme treten bei der Diagnose dieser Zustände auf?

Wir müssen feststellen, ob die Patienten bei Bewusstsein sind. Bei Bewusstsein sein, ist eine Erfahrung, die nur die betroffene Person selbst machen kann. Ich kann nur dann erfahren, was Sie denken, wenn Sie es mir sagen. Wenn Sie nicht mehr mit mir sprechen können, dann habe ich ein Problem.

Ich werde Ihr Verhalten beobachten und Wege finden müssen, nonverbal mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Wenn Sie sich nicht mehr bewegen können, wird es kompliziert. Und genau damit haben wir es bei unseren Patienten zu tun. Sie sind nicht nur bewusstlos, sie können sich auch nicht mehr bewegen. Sogar dann, wenn sie kurzfristig das Bewusstsein wiedererlangen, ist es für sie sehr schwer, uns das mitzuteilen.

Die Ärzte stehen also am Bett des Patienten und geben ihm einfache Anweisungen wie "Drücken Sie meine Hand" oder "Blicken Sie nach unten". Wenn sie das nicht tun, dann schließen wir daraus, dass sie nicht bei Bewusstsein sind.

Dafür gibt es sicher eine Systematik.

Eine Gruppe in unserem Labor arbeitet hart an der Verbesserung der standardisierten Untersuchungsmethoden und der Komaskalen. Damit wollen wir erreichen, dass es weniger Fehler bei der Diagnose gibt.

Wir wissen, dass etwa ein Drittel der Patienten, bei denen die Ärzte den vegetativen Zustand diagnostiziert haben, sich nicht in einem solchen befinden.

Welche technischen Hilfsmittel stehen Ärzten heute zur Verfügung, um zwischen den oben genannten Zuständen unterscheiden zu können?

Wir messen die elektrische Aktivität im Gehirn. Wir können mit Positronenemissionstomographie den Energieverbrauch des Gehirns und mit funktionaler Magnetresonanztomographie den Grad der Aktivierung des Gehirns bei äußeren Reizen feststellen. Diese Methoden werden die bisherigen Methoden der Diagnose ergänzen.

Computer helfen uns in vielerlei Hinsicht. Natürlich beim PET- und fMRI-Scan. Dann gibt es noch das Thema Computer-Gehirn-Schnittstelle. Hier gibt es die Möglichkeit, die elektrische Aktivität im Gehirn von Locked-in-Patienten zu messen und sie darüber mit der Umwelt kommunizieren zu lassen, beispielsweise, um Ja oder Nein sagen zu lassen oder ihnen Zugang zum Internet zu geben oder sie ihren Rollstuhl steuern zu lassen.

Diese Technologien entwickeln wir weiter, nicht nur, um Locked-in-Patienten damit zu helfen. Die verfeinerten Erkennungsmethoden können uns auch dabei helfen, den minimalen Bewusstseinszustand zu diagnostizieren.

Und der Tod?

Um den Hirntod festzustellen, müssen wir keinen großen technologischen Aufwand betreiben. Anders sieht es bei Patienten aus, die sich im Wachkoma befinden, wie beispielsweise Terri Schiavo.

Obwohl die Ärzte all ihr Können aufbieten, erlangen manche Patienten über mehrere Jahre hinweg ihr Bewusstsein nicht wieder. Dann müssen sie sich entscheiden, ob sie einen solchen Patienten weiter am Leben erhalten sollen. Sie wissen, dass die Chance auf eine Erholung des Patienten quasi inexistent ist.

Für solche Fälle brauchen wir klare Merkmale, die uns dabei helfen, die Überlebenschancen des Patienten genau festzustellen.

In den Ärzteserien im Fernsehen gibt es ja immer diese Einstellung mit dem Elektrokardiogramm, die zeigen soll, ob ein Patient noch lebt. Das ist aber schon längst anders. Wir müssen da schon lange eine wichtige Unterscheidung treffen. Das Herz und die Lungen können weiter mit Hilfe von Maschinen funktionieren. Aber am Ende zählt nur, ob das Gehirn noch lebendig ist.

Wie definieren Sie den Tod?

Als in den 50er Jahren die ersten Beatmungsgeräte auf den Markt gekommen sind, waren Ärzte plötzlich in der Lage, die Körper bewusstloser Patienten sehr lange weiterfunktionieren zu lassen.

Zum Leben gehören ja Herzschlag, Atmung und Hirnfunktion. Jahrtausendelang waren diese drei Indikatoren miteinander verknüpft. Wenn ein Mensch verletzt wurde und eine dieser Funktionen ausgefallen ist, folgten die anderen beiden sehr schnell nach. Mit der Erfindung des Beatmungsgeräts hat sich das geändert.

Das führte dazu, dass die Medizin eine neue Definition des Todes finden musste, nämlich die des Hirntods. Ein Patient ist hirntot, wenn er im unumkehrbaren Koma liegt und keine Hirnstammreflexe mehr zeigt. Wenn der Hirnstamm nicht mehr funktioniert, ist der Patient tot. Bisher ist noch kein Patient mit der Diagnose Hirntod wieder zu Bewusstsein gekommen.

Die Definition des Hirntodes ist wichtig, wenn es um die Organspende geht. Wenn ein Patient hirntot ist und daher nie wieder zu Bewusstsein kommen wird, können der Leiche die funktionierenden Organe entnommen werden. Es gibt weltweit einen großen Mangel an Spenderorganen, vielleicht auch, weil bei den Menschen Unsicherheit hinsichtlich des Todeszeitpunktes besteht. Das ist aber unnötig. Die Definition des Hirntods ist robust.

(futurezone | Günter Hack)