Ein Videogame für Blinde
Zwei französische Lehrer haben ein Videospiel für Blinde entwickelt.
Auf die Idee kam der Gaming-Fan Franck Lucea, als er wegen einer starken Migräne mehrere Tage lang eine Augenbinde tragen musste und seiner liebsten Freizeitbeschäftigung nicht frönen konnte. "Da wurde mir erst klar, dass Blinde von Videospielen bisher ganz ausgeschlossen sind", erinnert sich der 32-Jährige aus dem ostfranzösischen Montbeliard, der seinen Lebensunterhalt als Französischlehrer verdient.
Gemeinsam mit seinem 38-jährigen Lehrerkollegen Claude Bourdon, ebenfalls ein Informatik-Fan, machte sich Lucea daran, das erste Videospiel für Sehbehinderte und Blinde zu entwickeln, bei dem Töne und ein sensibler Joystick die Bilder auf dem Schirm ergänzen und den Spieler leiten.
Samurai Tachido rächt Vater
Das Spiel setzt den jungen und blinden Samurai Tachido in Szene,
der die Ehre seines Vaters rächen will und dafür in ganz Japan nach
Meistern sucht, die ihn in die Kunst des Säbelkampfes einweisen. In
dieses Szenario haben die beiden Lehrer das klassische Repertoire
von Videospielen gepackt - Kämpfe und Dialoge, Rätsel und
unterschiedliche, geheimnisvolle Welten.
Informationssysteme für BehinderteMultimedia-Spezialisten, Programmierer, Akustiker
Dabei halfen ihnen Studenten vom Multimedia-Hochschulen, Grafiker, Programmierer und ein Spezialist für Akustik. Letzterer habe die wichtigste Aufgabe zu bewältigen gehabt, sagt Lucea. Schließlich sei es vor allem die sehr realistische Tonkulisse, die den Sehbehinderten durch das Spiel führt.
Mit Hilfe von vier Lautsprechern werden die Szenen auf dem Bildschirm akustisch umgesetzt: Der Spieler hört beispielsweise aus dem linken vorderen Lautsprecher das Plätschern einer Quelle, rechts hinten die Schritte des Helden, die näher kommen, und rechts vorne jemanden, der gegen ein Hindernis stößt.
Am unterschiedlichen Klang der Schritte kann er erkennen, ob die Figur auf dem Bildschirm etwa durch Gras läuft oder über Asphalt. Kommt eine virtuelle Figur näher, werden Schritte und Stimme lauter, entfernt sie sich, nimmt die Lautstärke ab. Bei den Kämpfen sind die Geräusche der klirrenden Säbel sehr genau differenziert, sodass der Spieler erraten kann, wer wie welche Schläge austeilt.
70 virtuelle Figuren
Insgesamt wird Tachido in dem Spiel mit rund 70 virtuellen Figuren konfrontiert, die der Blinde an ihren Stimmen erkennen kann.
Feedback-Joystick Teil des Spiels
Durch die virtuelle Welt des Samurai leitet den Spieler außerdem ein Feedback-Joystick. Er überträgt durch Vibrationen Gefühle der Bildschirmhelden, funktioniert je nach Phase langsamer oder schneller oder wird ganz blockiert.
Mit 20 bis 30 Spielstunden, die auf 15 verschiedenen Schwierigkeitslevels ablaufen, könnten es die Abenteuer des Samurai Tachido durchaus mit klassischen Videospielen aufnehmen, meint der 32-Jährige. Nach seinen Angaben testeten Blinde das Spiel bereits und waren sehr angetan.
Optimistisch stimmt die beiden Lehrer auch, dass ihre Erfindung kürzlich vom französischen Wissenschaftsministerium und der regionalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft von Montbeliard mit Preisen ausgezeichnet wurde.
Dadurch ermutigt, wollen sie nun eine Vertriebsgesellschaft gründen. Blindenorganisationen sagten nach Angaben der Jungunternehmer in spe bereits ihre Unterstützung zu.
Auf den Markt kommen soll das Blinden-Game im Laufe des Jahres - auf jeden Fall rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft 2004.
