Kulturstreit um Microsofts PowerPoint
Egal ob Pressekonferenzen, Mitarbeiterbriefing oder Fun-Mails - eines darf dabei schon lange nicht mehr fehlen: die obligatorische PowerPoint-Präsentation.
Der ehemalige Talking-Heads-Sänger David Byrne hat in den USA nun eine Debatte über den Wert oder Unwert von Microsofts praktisch allgegenwärtiger Präsentationssoftware ausgelöst.
Denn während es bei kritischen Geistern fast zum guten Ton gehört, PowerPoint nicht zu mögen, entdeckte Byrne PowerPoint als künstlerische Ausdrucksform.
Er demonstrierte, wie die PowerPoint-Slides mit ihren Pfeilen und Hervorhebungen die Kommunikation verändern.
"Jeder Dummkopf kann es bedienen"
Das Ergebnis seiner Experimente hat er in seinem Buch "E.E.E.I.-
Envisioning Emotional Epistemological Information" inklusive DVD
festgehalten. "Das Geniale daran besteht darin, dass es von jedem
Dummkopf bedient werden kann. Ich habe es in ein paar Stunden
gelernt", so Byrne.
Das Buch bei Amazon.com [+Reviews]"PowerPoint korrumpiert"
Obwohl der 51-Jährige versichert, dass seine Sammlung keineswegs einen "ernsthaften Beitrag über irgendetwas" darstellen soll, stieß der Sänger damit in ein Wespennest.
Denn schon lange bekennen viele Computernutzer ihre PowerPoint-Abneigung ganz offen. So hat ICANN-Vorsitzender Vint Cerf die Lacher auf seiner Seite, wenn er bei Vorträgen spottet: "Macht [Power] korrumpiert und PowerPoint korrumpiert absolut."
Bei einem Verzicht auf die Slides sei das Vortragspublikum gezwungen, dem Referenten aufmerksam zuzuhören, anstatt sich von bunten Bildern ablenken zu lassen.
"Columbia"-Infoweitergabe mit PowerPoint
Die "New York Times" sah PowerPoint gar mitschuldig an der
"Columbia"-Katastrophe. Demnach sollen NASA-interne Berichte
allesamt im PowerPoint-Format, überladen und unverständlich
weitergegeben worden sein.
"Columbia"-Absturz auch Fehler der NASA"Sehr laut, langsam und schlicht"
Einer der heftigsten PowerPoint-Hasser ist Edward Tufte, Professor an der Universität Yale. Er ist der Meinung, dass bei PowerPoint die Form zu Lasten des Inhalts geht.
"PowerPoint ist böse", lautete denn auch der Titel eines Editorials, den Tufte im September im Magazin "Wired" veröffentlichte.
Darin verglich er PowerPoint-Präsentationen mit Aufführungen von Schultheatergruppen: "Sehr laut, sehr langsam und sehr schlicht."
Microsoft hält sich raus
Microsoft selbst hält sich aus dem Streit heraus. Sprecher Simon
Marks bekräftigte nur, PowerPoint solle es den Kunden einfacher
machen, "ihre Infos in dem Stil zu präsentieren, der am besten zu
Inhalt wie Publikum passt".
MS PowerPointVerblödung oder Ordnung?
Auch Google-Manager Peter Norvig, Autor einer der ersten PowerPoint-Parodien, will Byrne in dessen Begeisterung nicht folgen.
Die Frage laute letztlich, "ob uns PowerPoint dumm macht oder ob es uns hilft, unsere Gedanken zu ordnen".
Zwar entscheide immer der Mensch und nicht eine Software über die Qualität einer öffentlichen Veranstaltung. "Aber wenn man PowerPoint verwendet, ist das so, als ob man ein geladenes AK-47-Gewehr auf dem Tisch liegen hat: Man kann sehr böse Dinge damit anrichten."
