Internet - die vierte Kulturtechnik?

29.03.2007

Am Mittwochabend haben Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Kultur an der Wiener Akademie der Wissenschaften zum Thema "Internet - die vierte Kulturtechnik" diskutiert. RTL-Chef Gerhard Zeiler erläuterte ORF.at im Rahmen der Veranstaltung die Netzstrategie seiner TV-Gruppe.

Auf Einladung des Verbands der heimischen Internet-Provider [ISPA] wagten sich Wissenschaftsminister Johannes Hahn [ÖVP], Ex-Unterrichtsminister Rudolf Scholten, Christian Ide Hintze von der Schule für Dichtung, Philosoph Konrad Paul Liessmann [Universität Wien], Filmemacher Virgil Widrich, Internet-Urgestein Peter Rastl [Universität Wien] und RTL-Chef Zeiler an eine kulturpolitische Betrachtung des Internets.

Auseinandersetzung ja, Schule nein

Dabei betonten alle Seiten, dass ein angemessener Umgang wichtiger sei als die Diskussion über den Begriff der Kulturtechnik. Die Notwendigkeit eines Unterrichtsfachs "Internet" in den heimischen Schulen sah keiner der Beteiligten.

Sehr wohl müsse man sich aber, so Hahn, mit den Konsequenzen auseinander setzen, die das Medium für das menschliche Zusammenleben habe. Während Zeiler betonte, dass das Netz eine Demokratisierung unserer Wissensgesellschaft bewirke, gab Widrich zu bedenken, dass die ständige Verfügbarkeit Wissen vortäusche.

Diskussion über Urheberrecht

Beim Thema Urheberrecht gingen die Meinungen dann auseinander. Während Zeiler warnte, dass der Wert eines Werkes durch das Internet nicht gemindert werden dürfe, konterte Rastl, dass in diesem Streit in erster Linie die Verwertungsgesellschaften profitieren würden, nicht aber die Künstler.

Hahn erklärte, dass die Technik der Legistik beim Urheberschutz meilenweit voraus sei. Hintze bemerkte, dass das geistige Eigentum heute viel schwächer bewertet werde als das materielle, und rief Künstler auf, sich selber zu organisieren.

Auf der ISPA-Website kann die Diskussion im Stream "nachgesehen" werden.

Im Anschluss an die Diskussion erklärte RTL-Chef Zeiler im Gespräch mit ORF.at die Internet-Strategie der RTL-Gruppe und seine Ansichten zum Thema geistiges Eigentum.

Welche Strategie verfolgen Sie derzeit mit Ihrer Sendergruppe?

Zeiler: Wir müssen unsere Produkte über verschiedene Wege an den Nutzer bringen - terrestrisch, via Satellit und über Kabel. Das waren die drei großen Distributionswege, und jetzt kommt mobiles Fernsehen und letztlich IPTV.

Als Medienunternehmen sehe ich ich die Notwendigkeit, dass wir unsere Produkte über jeden dieser Verbreitungswege an die Konsumenten anbieten. Im Wesentlichen wird das das Gleiche sein, natürlich sind aber für Handy-TV keine 90-Minuten-Filme interessant. Und bei IPTV werden wir viel stärker in die Nische gehen können. Es wird also eine viel größere Bandbreite an Möglichkeiten geben, unsere Produkte an den Konsumenten zu bringen.

In allen Fällen muss es aber so sein, dass letztlich die Urheberrechtsabgaben bezahlt werden. Und zwar an uns genauso, wie wir sie an die Eigentümer bezahlen müssen. Wenn jemand mit unseren Produkten Geld verdienen möchte, wollen wir einen Teil davon haben. Und wir wollen auch das Recht haben zu sagen: Das hier ist nicht frei verfügbar, dafür wollen wir, dass bezahlt wird.

Die RTL Group, der größte Fernsehkonzern Europas, hat ihren Gewinn im vergangenen Jahr um 11,5 Prozent gesteigert. Laut Zeiler will das Unternehmen "neue Plattformen ausprobieren".

Was halten Sie von YouTube?

Zeiler: Wir sind der Meinung, es muss auch im Internet ein klares Urheberrecht geben. Über den Daumen geschätzt kommen 75 Prozent der YouTube-Inhalte aus dem Fernsehen, 25 Prozent sind echter User-Generated Content.

Sind rechtliche Schritte angedacht?

Zeiler: Nein. Es ist ja jetzt nicht so, dass die RTL-Gruppe der große Marktplayer weltweit ist. Ich glaube, dass die Klage, die Viacom gegen YouTube zumindest angekündigt hat und auch einreichen wird, die Diskussion schärft. Die Diskussion, dass es nicht sein kann, dass geistiges Eigentum - und ich nehme bewusst dieses Wort - gestohlen wird. Und letztlich auch für Business-Zwecke verwendet wird. Das muss im Einverständnis mit den Besitzern passieren.

Wie sieht es aus mit eigenen Bestrebungen in Sachen User-Generated Content? Pro7 hat ja MyVideo.de gekauft ...

Zeiler: Wir haben Clipfish begonnen in Deutschland. Das ist erst der Anfang, aber wir haben immerhin im Jänner schon zwei Millionen Page-Impressions gehabt. Und auch da ist das Thema Urheberrecht ein wesentliches. Wir können ja nicht auf der einen Seite darüber klagen und auf der anderen Seite selber verletzen. Das ist eine der Voraussetzungen.

Wie regeln Sie das? Wird bei Clipfish Filtersoftware eingesetzt?

Zeiler: Wir nehmen jedes Video von der Plattform, welches uns als bedenklich gemeldet wird. Darüber hinaus prüfen wir die Videos stichprobenartig selbst. . Ich gebe schon zu, dass das schwierig ist, wenn es sich auf der Ebene von YouTube abspielt, aber hier arbeitet ja die Industrie ganz wesentlich an neuen DRM-Technologien. Und ich gehe davon aus, dass das Thema innerhalb der nächsten zwölf bis 18 Monate gelöst werden kann durch neue Filtertechnologien. Aber das wird keine Entwicklung sein, die von uns kommt.

Helmut Thoma, Medienberater und ehemaliger Chef des TV-Senders RTL, kann auf Online-Videoplattformen wie YouTube nicht viel Neues erkennen: "'America's Funniest Home Videos' hat es auch früher schon gegeben", sagt er im Gespräch mit ORF.at.

Sie haben vor kurzem gesagt, es sei an der Zeit, "neue Plattformen auszuprobieren" ...

Zeiler: Wir müssen alle neuen Plattformen, die entstehen, all die neuen Wege zum Konsumenten nützen. In einer legalen Art und Weise. Nach dem Motto: lieber selbst fragmentieren als von anderen fragmentiert werden. Das ist der Punkt: Ich sehe die neuen Plattformen nicht als Konkurrenz an.

Natürlich zwingen sie Medienunternehmen wie uns dazu, auch das eigene Business-Modell zu überdenken. Natürlich zwingen sie uns, flexibel zu werden. Aber insgesamt sehe ich die Chancen, die sich aus den neuen Plattformen ergeben, als größer an als die Gefahren, die damit verbunden sind. Oder anders formuliert: Bekommen wir die richtige Strategie hin, dann sind wir nachher besser aufgestellt als vorher.

Gibt es in Deutschland konkret Entwicklungen oder Unternehmen, die in ihr Portfolio passen würden?

Zeiler: Es geht gar nicht so sehr um Unternehmen. Was bringt eigentlich das digitale Zeitalter an Neuem für den Konsumenten? Die drei Begriffe "whatever, wherever, whenever". Wir sind keine Technologiegruppe, unser Fokus ist das "Whatever". Wir sind eine Content- und Brand-Company.

(futurezone | Nayla Haddad)