Open Source für freie Marktwirtschaft

26.01.2007

Die gegenwärtig laufenden EU-Versuche, die Urheberrechte zu stärken, stehen dem Merkantilismus des 19. Jahrhunderts näher als dem klassischen Liberalismus, meint Wirtschaftswissenschaftler Rishab Aiyer Ghosh im Gespräch mit ORF.at.

Anfang Jänner veröffentlichte die EU-Kommission eine Studie über den Einfluss von Freier und Open-Source-Software [FLOSS] auf Wirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit in der Union.

Die Autoren der FLOSS-Studie empfehlen den europäischen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft, Einsatz und Entwicklung von quellenfreier Software zu fördern.

Laut der Studie generieren FLOSS-Entwickler jährlich allein in der EU Software im Wert von zirka 400 Millionen Euro. Da es sich dabei um freiwillige Arbeit handelt, fließt diese Summe nicht in die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts der Mitgliedsstaaten ein.

Die FLOSS-Studie wurde unter der Leitung des indischen Ökonomen Rishab Aiyer Ghosh von der Universität Maastricht erstellt. Ghosh befasst sich schon seit langem mit der Rolle, die quellenfreie Software als Gemeingut in der Marktwirtschaft spielt.

ORF.at sprach mit ihm über seine Studie und über die Vereinbarkeit der Grundprinzipien des Marktes einerseits und freier kollaborativer Software-Entwicklung andererseits.

Ghosh forscht derzeit am Maastricht Economic and Social Research and Training Centre on Innovation and Technology [MERIT]. Er ist unter anderem Mitgründer des wirtschaftswissenschaftlichen Online-Journals First Monday.

ORF.at: Wie lange haben Sie und Ihr Team an der FLOSS-Studie gearbeitet?

Rishab Aiyer Ghosh: Wir hatten einen Vertrag über sieben Monate. Die Studie ist aber das Ergebnis umfangreicher Forschungen, die von den Autoren und anderen Mitarbeitern im Lauf der vergangenen vier Jahre ausgeführt wurden.

In der Studie steht, dass zwei Drittel der Freie-Software-Projekte nicht von Firmen oder Institutionen unterhalten werden, sondern von Individuen. Ist das für die nachhaltige Entwicklung der Freien Software eher gut oder eher schlecht?

Ghosh: Solange es wie auch immer geartete - auch informelle - Regeln dafür gibt, wie ein Individuum in Programmierung oder Verwaltung eines Software-Projekts durch andere nachhaltig ersetzt werden kann, ist es sicher nicht schlecht. Immerhin sorgen diese informellen Strukturen dafür, dass FLOSS-Projekte nicht von einzelnen Firmen kontrolliert werden können. Und das ist sicher eine gute Sache.

Sie haben für die Studie auch einige Anwendungsbeispiele für Freie Software gezeigt. Welches davon illustriert die Ergebnisse der Studie am besten?

Ghosh: Wir haben uns in der Studie nicht besonders stark auf Anwendungsbeispiele konzentriert, sondern uns vor allem darauf, wie Open-Source-Software die Wirtschaft beeinflusst. Es gibt daher keinen einzelnen Fall, der alle Vorteile auf einmal zeigen würde.

Außer vielleicht die Politik, die von der Regierung der spanischen Provinz Extremadura verfolgt wird. Hier setzt man Linux in Schulen und Gesundheitswesen ein, schult unterprivilegierte Mitglieder der Gesellschaft in der Anwendung Freier Software und ermutigt die ansässigen kleinen und mittleren Unternehmen dazu, FLOSS einzusetzen. Dahinter steckt eine umfassende Strategie, die Vorteile der Freien Software für die ganze Region nutzbar zu machen.

Sie schreiben in der Studie, dass die EU die juristischen Grundlagen der Freien Software anerkennen sollte. Steht das Konzept des Gemeinguts nicht im Widerspruch zu jenem der liberalen freien Marktwirtschaft, wie es von der EU gemeinhin vertreten wird?

Ghosh: Die Initiativen für Open Source und Creative Commons zeigen deutlich, dass gemeinschaftliche Entwicklung, Gemeingut und kollaborative Produktion von Wissensgütern klar mit einer liberalen Marktwirtschaft vereinbar sind.

Im Gegensatz dazu basiert das Konzept des geistigen Eigentums auf einem staatlich garantierten Monopol, wenngleich dieses beschränkt ist.

Die gegenwärtig laufenden Versuche, die geistigen Eigentumsrechte zu stärken, stehen dem Merkantilismus des 19. Jahrhunderts näher als dem klassischen Liberalismus.

Immerhin hat das wichtigste wirtschaftsliberale Blatt, der britische "Economist", im 19. Jahrhundert Patente als schädlich für den Markt und den freien Welthandel gegeißelt!

Eine der wichtigsten Empfehlungen in unserer Studie läuft darauf hinaus, dass die Maßnahmen zum Schutz des geistigen Eigentums nicht gegen das Gemeingut [Commons] eingesetzt werden können. Das Gemeingut ist bisher ohne jede Protektion gewachsen.

Eine aktuelle EU-Studie untersucht den Online-Markt und sieht Wachstumsraten von 400 Prozent. Um die Verbreitung von Online-Inhalten zu fördern, seien in den EU-Ländern jedoch ein besserer Netzzugang und "effiziente DRM-Systeme" nötig.

Andererseits tun sich Ideen wie die Creative Commons auch in der digitalen Welt noch schwer. In erfolgreichen Online-Spielumgebungen wie "Second Life" werden digitale Güter wie "reale" behandelt.

Ghosh: So populär ist "Second Life" nun auch wieder nicht. Es ist eher ein Medienhype, wie man an der hohen Fluktuation der User dort sehen kann. Jedenfalls werden auch dort gemeinschaftliche Entwicklung und das Teilen von Ressourcen nach Open-Source-Vorbild nicht behindert.

Sicherlich ziehen es viele Leute vor, ihre "Produkte" zu verkaufen, als diese mit anderen gemeinsam zu entwickeln und sie zu teilen. Aber solange gemeinschaftliche Produktion nicht verhindert wird, sehe ich dort keine Probleme.

(futurezone | Günter Hack)