Al-Jazeera und USA weiter im "Infowar"
Der "Infowar" zwischen den USA und dem arabischen TV-Sender al-Jazeera [die Insel] geht in eine neue Runde:
Während das FBI einen am Montag verhafteten Mann beschuldigt, die Site des Senders während des Irak-Krieges Ende März im Alleingang "entführt" zu haben, bezichtigt al-Jazeera die US-Behörden der Vertuschung einer größer angelegten Verschwörung.
FBI-Beamte haben am Montag einen 24-Jährigen verhaftet, der sich inzwischen auch schuldig bekennen will, die Site des Senders mit einem recht simplen Trick umgeleitet zu haben:
Demnach hat er schlicht beim Verwalter der .com- und .net-Domains, dem Verisign-Tochterunternehmen Network Solutions, telefonisch vorgetäuscht, ein Techniker des arabischen Senders zu sein.
So soll er an ein Passwort gelangt sein, das es ihm erlaubte, den Name-Service-Eintrag so zu manipulieren, dass der Name "aljazeera.net" auf eine andere IP-Adresse als jene des Senders verwies. Zugleich soll er auch rund 300 E-Mails an den Sender abgefangen haben.
Al-Jazeera"Patriotische Botschaften"
Die "Entführung" der Al-Jazeera-Site erfolgte just zu dem Zeitpunkt, als das weltweite Interesse am Sender durch den Irak-Krieg am größten war. Die US-Regierung war damals vor allem über Bilder gefangener GIs mehr als unglücklich.
Besucher, die Ende März versuchten, die Seite zu erreichen, sahen zum Beispiel eine US-Flagge mit der Botschaft "Let Freedom Ring", Besucher der arabischen Website wurden teilweise zu einer Porno-Seite umgeleitet.
Bis das Problem erkannt und die Seite anschließend wieder zu erreichen war, vergingen zwei Tage.
Die US-Regierung hatte im Jänner eigentlich eindringlich vor "patriotischen Hacks" in Zusammenhang mit dem Irak-Krieg gewarnt.
Al-Jazeera wurde "entführt"Verschwörung ausgemacht
Al-Jazeeras IT-Manager Salah Siddiki will unterdessen der vom FBI präsentierten Auflösung des Info-Krimis nicht recht Glauben schenken:
Demnach konnte die Entführung der Site gar nicht von einer Person allein durchgeführt worden sein, da diese Aktion zu viel Logistik und Kapital erfordert hätte: "Es muss mehr als eine Ursache für den Fall geben," gab sich Siddiki am Donnerstag sicher.
Beobachter aus Europa hatten unterdessen schon im März gemutmaßt, dass Network Solutions in dem Fall mindestens nachlässig gehandelt haben musste, was der simple Telefontrick zu bestätigen scheint.
Einige Tage nach den Turbulenzen um die Site-Entführung musste sich der Sender auch noch einen neuen Webhost suchen, weil Akamai Technologies beschloss, seine Geschäftsbeziehungen zu al-Jazeera abzubrechen.
Provider kündigt Vertrag mit al-Jazeera
