© Fotolia/Mario Kos, MIDI-Controller und Laptop

Kollaboratives Musizieren mit Tracks & Fields

MUSIKDIENSTE
15.12.2009

Mit dem Berliner Start-up Tracks & Fields gibt es eine neue Plattform im Netz, über die Musiker und Produzenten mit anderen Nutzern gemeinsam Sound herstellen können. Ein integrierter Online-Sequenzer und ein MIDI-Tool sollen den Einstieg in kollaborative Projekte erleichtern. Teil drei der futurezone.ORF.at-Serie über innovative Musikdienste im Web.

Wenn Musiker weit voneinander entfernt leben, war es in der Vergangenheit oft schwierig, sich zu gemeinsamen Proben zu treffen. Zwar war es auch vor zehn Jahren schon möglich, sich über Instant Messenger diverse Soundfiles hin- und herzuschicken, doch konnte man auf diesem Weg kaum neue Kollaborationspartner kennenlernen. Christian Mix-Linzer, Hauptgründer von Tracks & Fields, sieht das ähnlich: "Künstler haben immer das gleiche Problem: Sie haben zwar ähnliche Visionen, leben aber Hunderte Kilometer getrennt."

Vor über drei Jahren hatte Mix-Linzer, der damals noch an der Fachhochschule Potsdam Europäische Medienwissenschaft studierte, die Idee für eine Plattform, auf der Künstler in Echtzeit ihre Ideen austauschen können. Bei Tracks & Fields gibt es zudem die Möglichkeit, Samples miteinander zu teilen, über einen Online-Sequenzer und ein MIDI-Interface erste Ideen gemeinsam auszuprobieren, Feedback auf halbfertige Songs zu geben und neue Projekt- und Remix-Partner zu finden. Seit Jänner 2009 ist die Betaversion von Tracks & Fields online, die Nutzerzahlen liegen laut Mix-Linzer im fünfstelligen Bereich und kommen aus über 100 unterschiedlichen Ländern der Welt.

Online-Sequenzer als Gemeinschaftsplattform

Das Besondere an der Plattform ist die Integration eines eigenen Online-Sequenzers, also einer Online-Software zur Aufnahme und Bearbeitung von Daten zur Erstellung von Musik. Der von Valentin Schmidt programmierte Online-Sequenzer besteht aus acht möglichen Spuren und ist "deutlich abgespeckter" als herkömmliche Sequenzer wie Logic Studio und Cubase. "Wir haben das Tool bewusst einfach gehalten, da auch Leute in der Lage sein sollen, an Projekten teilzunehmen, die sich noch nicht mit komplexer Studio-Software auseinandergesetzt haben. Wir sehen den Sequenzer daher eher als Gemeinschaftsplattform als ein High-End-Produktionstool", erklärt Mix-Linzer gegenüber ORF.at.

Tatsächlich nutzen die User den Online-Sequenzer vor allem dazu, um mit neuen Kontakten erste Ideen auszutauschen und festzustellen, ob eine Kollaboration fruchtbar sein könnte. Die professionelle Abwicklung erfolgt dann meistens über herkömmliche Sequenzer. So ist es auf Tracks & Fields auch möglich, Dateien von Logic Studio, Pro Tools und Cubase miteinander auszutauschen. "Wir wollen unsere Nutzer nicht umerziehen, sondern sie so unterstützen, wie sie arbeiten", so Mix-Linzer. Derzeit arbeite man daran, den Workflow zu optimieren.

Suche nach Gitarristen, Vokalisten, Songtextern

Die Plattform eignet sich allerdings nicht nur für Nutzer, die sich bereits kennen und auf diesem Weg über private Sessions sicher Daten austauschen können. Auch neue Musiker, die über bestimmte Fähigkeiten wie Gitarre spielen, singen, Liedtexte schreiben oder fertige Songs abzumischen, verfügen, können über ein erweitertes Suchmodul gefunden werden.

Dabei kann auch gezielt nach Künstlern gesucht werden, die Mitglied bei Verwertungsgesellschaften wie AKM oder GEMA sind. "Die meisten unserer Nutzer sind allerdings nicht dabei", so Mix-Linzer, der auch darauf hinweist, dass Künstler, die Mitglied bei Verwertungsgesellschaften sind, kein Recht dazu haben, ihre eigenen Projekte und Samples öffentlich anzubieten. Auch von den eigenen Songs dürfen GEMA-Mitglieder nur 45 Sekunden lange Ausschnitte öffentlich präsentieren. "Wir weisen in unseren AGBs explizit darauf hin, aber die meisten Mitglieder von Verwertungsgesellschaften sind sich dessen bereits bewusst", so Mix-Linzer.

Datenschutz vs. Potenzial der Suche

Weiters kann nach bestimmten Songs, Projekten und Samples gesucht werden, die von den Nutzern für die Öffentlichkeit freigegeben wurden. Auf eine gezielte Suche nach Genres wurde dabei allerdings verzichtet. "Bei Sessions ist es schwierig, die Genres einzugrenzen. Das Potenzial, was aus einem Song werden könnte, wird darin erstickt. Daher setzen wir vorerst nur auf grobe Genres, der Rest erfolgt über Keywords", so Mix-Linzer.

Nicht alle Suchergebnisse nach bestimmten Projekten liefern bisher wirklich gute Treffer. Mix-Linzer dazu: "Um an präzise Suchergebnisse zu kommen, müssen möglichst genaue Daten vorliegen. Die muss der Nutzer selbst eingeben." Bei Tracks & Fields können die Nutzer allerdings zu einem Großteil selbst bestimmen, welche Informationen als privat behandelt werden und welche öffentlich zugänglich sind. "Wir haben es hier mit einer Gruppe von Personen zu tun, die sehr sensibel mit ihren Daten umgeht. Uns ist es daher persönlich wichtig, dass die Privatsphäre nicht verletzt wird", so Mix-Linzer.

Samples unter Creative Commons stellen

"Innovative Musikdienste"

In der Serie "Innovative Musikdienste im Web" veröffentlicht futurezone.ORF.at in unregelmäßigen Abständen Beiträge über neue Musikdienste. Anregungen sind willkommen.

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Bei den Samples kann der Interessent gezielt nach Instrumenten, Typen und Stimmungen suchen, aber auch danach, ob das Sample unter einer bestimmten Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht wurde und somit gegen Nennung des Urhebers weiterverwendet werden darf. Da es sich um eine "sehr respektvolle Nutzergruppe" handle, gab es in dieser Hinsicht bisher auch keine Probleme, so Mix-Linzer. "Allerdings bleibt die Frage offen, wo man die Creative-Commons-Credits in Online-Shops wie Beatport unterbringen soll", fragt sich der Betreiber von Tracks & Fields. "Auf unserer Plattform kann man Urheber und Credits problemlos angeben, aber wie das in der weiteren Verwertungskette umgesetzt wird, ist schwer zu sagen." Bei Online-Shops, die Musik verkaufen, können derzeit keine zusätzlichen Informationen zu den Tracks abgerufen werden, auch mittels MP3-Tags lassen sich keine Samples-Credits eintragen.

"Künstler werden immer Musik machen"

Das Berliner Start-up, welches derzeit aus vier festangestellten Mitarbeitern und mehreren Praktikanten und Freelancern besteht, möchte sich daher vor allem auf die Gruppe der Musikschaffenden konzentrieren und nicht auf den Musikverkauf. "Selbst wenn die ganze Welt aufhören würde, Musik zu kaufen, würden Künstler weiterhin Musik machen. Für Künstler gibt es auch genug andere Anreize weiterzumachen. Sei es Bewunderung, Selbstverwirklichung, das Ausleben von Kreativität. Das ist für uns der spannendere Teil", so Mix-Linzer.

Derzeit befindet sich die Plattform noch in der Betaversion, der offizielle Launch ist für Mitte Jänner 2010 geplant. Erst dann will man bei Tracks & Fields für gewisse Dienste Geld verlangen. "Mit einem Freemium-Modell wollen wir auch professionelle Musiker ansprechen, die unsere Plattform in einem kommerzielleren Bereich nutzen wollen. Das wäre etwa ein Mastering-Studio, was seine Dienste über unsere Plattform anbieten möchte", erklärt Mix-Linzer das künftige Geschäftsmodell. Die bisherigen Funktionen werden weiterhin kostenfrei bleiben, so der Betreiber.

Remix-Wettbewerbe als Ansporn

Bis zum Launch sind noch weitere Funktionen geplant, die den Musikaustausch weiter vereinfachen sollen. Derzeit gewinnt die Plattform vor allem durch regelmäßige Remix-Wettbewerbe neue Nutzer, die auf diesem Weg auf ihr Können und ihr Potenzial aufmerksam machen wollen. Wenn ein Label wie K7 als Gewinn eine offizielle Veröffentlichung ausschreibt, beteiligen sich mehr als 100 Musikschaffende am Wettbewerb. "Das wäre vor fünf Jahren noch undenkbar gewesen. Damals waren die Labels noch unsicher, wie sie mit dem Internet umzugehen haben. Jetzt findet diesbezüglich langsam ein Umdenken statt", freut sich der Betreiber der Plattform.

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(futurezone/Barbara Wimmer)