© ORF.at/Patrick Wally, Jubelnde Musikfans

Sellyourrights: Fans kaufen Songs frei

CREATIVE COMMONS
08.09.2009

Mit der Plattform Sellyourrights gibt es seit kurzem ein neues Bezahlmodell für Musik, das einerseits die freie und unkontrollierte Nutzung der Werke ermöglichen soll, andererseits aber auch die Künstler für ihre Werke angemessen entlohnen will. Teil zwei der futurezone.ORF.at-Serie über innovative Musikdienste im Web.

"Willkommen Befreier" - so wird man auf der Startsseite der Internet-Plattform Sellyourrights begrüßt, die seit Mitte August in einer geschlossenen Betatestphase im Netz zu finden ist. Befreit werden sollen Musikstücke und Alben, die der Urheber über das Portal anbietet, indem sie unter eine Creative-Commons-Lizenz gestellt werden, nachdem der Urheber dafür finanziell entlohnt wurde. Den Betrag darf der Urheber selbst bestimmen.

Creative-Commons-Lizenzen selbst bestimmen

Der Musiker hat damit die Möglichkeit, sein finanzielles Interesse direkt bei der Veröffentlichung des Werkes gänzlich abzudecken und dem Nutzer die Freiheit einzuräumen, das Werk zu vervielfältigen und - je nach Lizenztyp - eventuell auch weiterzubearbeiten, also zu remixen, und auch kommerziell zu nutzen.

Die Creative-Commons-Lizenztypen sind sehr vielfältig, und der Urheber kann selbst bestimmen, was der Nutzer nach einer erfolgten Freigabe mit seinem Werk konkret machen darf. Die Lizenzen sind standardisiert und in über 50 Ländern an das jeweilige Urheberrecht angepasst.

"Alternativer Weg, digitale Inhalte zu vertreiben"

Die Idee für das Projekt entstand bereits 2005, als Björn Braun und Marc Treber, die beiden Gründer der Plattform, an der Frankfurter Goethe-Universität studierten. Doch erst 2008, nach einer erfolgreichen Erteilung eines Existenzgründungsstipendiums, ging es richtig los.

"Es ging vor allem darum, einen alternativen Weg zu finden, wie man digitale Inhalte vertreiben und dabei trotzdem Geld verdienen kann", erzählt Braun. Gestartet ist man nach zwei erfolgreich absolvierten Testphasen im Frühjahr 2009 vorerst nur mit Musikangeboten. In weiterer Folge möchte das derzeit dreiköpfige Team das Angebot auf weitere digitale Inhalte wie Spiele, Software, Filme, Literatur und Bilder ausdehnen.

Das Konzept von Sellyourrights wird durch eine einfache Online-Abwicklung ermöglicht. Der Urheber stellt seine Werke auf die Plattform, dort können sie probegehört, aber noch nicht heruntergeladen werden.

Rolle des Labels neu definieren

Das Vorhören der Songs funktioniert nach dem Widget-Prinzip. Auf diesem Weg lässt sich die Box mit den Musikstücken in verschiedene Umgebungen integrieren und kann auf diesem Weg von Fans und Musikern gleichermaßen weiterverbreitet werden. "Als kleinerer Anbieter, der eine exklusive und treue Fangemeinschaft hat, bietet dieser Weg gute Chancen", so Braun. "Aber auch das Label könnte künftig diese Rolle übernehmen."

Braun ist überzeugt, dass sich die klassische Rolle des Labels in der digitalen Musiklandschaft verändern wird. "So manchen Zwischenhändler wird es über kurz oder lang einfach nicht mehr geben, da fallen zwangsläufig welche weg."

"Befreiung" erfolgt über Auktionsprinzip

Die Werke der Musiker werden maximal 21 Tage lang im Rahmen einer Auktion angeboten. So lange haben die Fans Zeit, einen frei wählbaren Betrag anzubieten, der allerdings nur dann eingezogen wird, wenn die vollständige Summe aufgebracht wird, die der Künstler angegeben hat. Bei einer erfolgreichen Auktion wird das Werk zum Download angeboten - und nicht nur die, die dafür bezahlt haben, dürfen das Werk frei nutzen, sondern "alle".

Das alternative Modell von Sellyourrights, Musik für das Gemeinwohl im Internet frei verfügbar zu machen, ensteht in einer Zeit, in der in manchen europäischen Ländern eine andere Richtung eingeschlagen wird: Vom Pirate-Bay-Prozess über Urteile in Millionenhöhe gegen Webhosting-Dienste bis zum Ruf nach "Internet-Zensur" und Gesetzen zu Netzsperren reicht die Palette. "Das geht in eine völlig falsche Richtung. Das Internet ist ein Raum, in dem Eigentumsansprüche anders umgesetzt werden müssen als beim physischen Vertrieb", meint Braun.

Nicht jeder besitzt die digitalen Rechte

Doch nicht jeder Künstler besitzt das Recht, seine Musikstücke unter eine Creative-Commons-Lizenz zu stellen und diese im Internet anzubieten. Mitglieder der Verwertungsgesellschaften GEMA (in Deutschland) und AKM (in Österreich) haben ihre Rechte, auch die für die digitale Nutzung, an die Verwertungsgesellschaften abgetreten.

Die wenigsten Künstler seien sich dessen allerdings bewusst, beschrieb der Gründer der mittlerweile eingestellten Creative-Commons-Plattform Orangemusic.at, Martin Aschauer, im März gegenüber ORF.at diese Problematik. "Für uns ist es daher sehr wichtig, dass wir die Künstler aufklären. Wir müssen sie vor Fehlern schützen, da sehe ich uns in der Verantwortung", so Braun.

Derzeit werde noch jedes Künstlerprofil einzeln freigeschaltet, in Zukunft werde beim Registrierungsformular sehr klar darauf hingewiesen, erläutert Braun den Plan, mit dem verhindert werden soll, dass GEMA- oder AKM-Inhalte hochgeladen werden. Das Portal möchte künftig nicht mit Entschädigungszahlungen konfrontiert werden.

Langfristig wünscht sich Braun allerdings eine Vereinbarung mit den Verwertungsgesellschaften. "Es ist seit langem eine unserer Empfehlungen an Verwertungsgesellschaften, dass jedes Recht einzeln wahrgenommen werden kann. Jedes Mitglied sollte eigentlich selbst entscheiden können", sagte Roland Alton-Scheidl, Beirat von Creative Commons Austria, gegenüber ORF.at.

Ähnliches Feature bei RegisteredCommons

Auch beim österreichischen Projekt RegisteredCommons gibt es laut Alton-Scheidl seit dem Frühjahr die Möglichkeit, Werke nur gegen einen bestimmten Betrag unter der Creative-Commons-Lizenz verfügbar zu machen. "Aber dieses Feature nutzen nur sehr wenige. Die großen Mäzene gibt es im Internet nicht, auch wenn es nur um kleine Euro-Beträge geht", gibt sich Alton-Scheidl gegenüber einem derartigen Geschäftsmodell pessimistisch.

Sellyourrights verzichtet bei ihrem Geschäftsmodell gänzlich auf Werbung und möchte sich ausschließlich über eine Servicegebühr, die nur bei einem erfolgreichen Abschluss der Auktion einbehalten wird, finanzieren. "Zuerst müssen wir noch wachsen und noch mehr Musiker finden, die bereit sind, sich auf dieses Konzept einzulassen", so Braun.

"Innovative Musikdienste"

In der Serie "Innovative Musikdienste im Web" veröffentlicht futurezone.ORF.at in unregelmäßigen Abständen Beiträge über neue Musikdienste. Anregungen sind willkommen.

Mehr zum Thema:

Fans als Retter der freien Musik

Doch nicht nur die Musiker müssen von dem Konzept überzeugt werden: Es wird sich erst zeigen, wie die Fans auf das neue Portal reagieren. Einerseits muss die Qualität der angebotenen Musikstücke stimmen, andererseits bleibt offen, wie viele Menschen tatsächlich bereit sind, Geld zu zahlen, um das Verbreiten von Musik als Sache des Gemeinwohls zu ermöglichen. Ein nicht zu vernachlässigender Punkt ist auch, dass man, wenn das Interesse an der Veröffentlichung groß ist, nicht 21 Tage warten möchte, bis ein Stück tatsächlich verfügbar ist.

Ähnliche Konzepte wie beispielsweise das von Sellaband, bei dem die Fans die Produktionen von Bands und Musikern mitfinanzieren und dafür an den Einnahmen beteiligt werden, scheinen zu funktionieren. Auch bei Sellyourrights wurden bereits erste Auktionen erfolgreich abgeschlossen.

Mehr zum Thema:

~ Link: "RegisteredCommons" für digitale Werke (../http://www.fuzo-archiv.at/?id=138590v2) ~

(futurezone/Barbara Wimmer)