Radtour mit Geheimnissen
Die britische Künstlergruppe Blast Theory lädt Besucher der Ars Electronica mit ihrem Projekt "Rider Spoke" zu einer Radtour mit Geheimnissen durch Linz. Mit Fahrrad und Touchscreen-Computern wird die Stadt kartografiert und von den Teilnehmern mit Geschichten gefüllt.
Im Jahr 2003 hatte Blast Theory beim Prix Ars Electronica eine Goldene Nica für Interaktive Kunst für ihr Projekt "Can You See Me Now?" erhalten, im Jahr 2007 eine Anerkennung in der Kategorie Hybrid Art für das Spiel "Day of the Figurines".
Heuer konnte und kann man beim Ars Electronica Festival in Linz das neueste Spiel von Blast Theory selbst ausprobieren. Es heißt "Rider Spoke", wurde erstmals im Jahr 2007 in London durchgeführt und konnte seither auch in einigen anderen Städten - darunter Athen, Budapest und Sydney - gespielt werden.
Karte der Stadt
"Rider Spoke" findet auf dem Fahrrad in den Straßen statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten von Blast Theory einen Handcomputer, der auf den Fahrradlenker geklettet wird, und fahren allein etwa eine Stunde lang im urbanen Umfeld herum. Während man durch die Stadt fährt, registriert der Handcomputer alle WLAN-Netze, aus deren Kennung eine Art Karte der Stadt erstellt wird. Über den Kopfhörer erhält man Anweisungen von einer Stimme, die als eine Art gute Fee fungiert.
Mit Botschaften gefüllt
Wenn auf dem Computerbildschirm eine rosa Schwalbe auftaucht unter der steht: "You can hide here", bleibt man stehen, drückt auf den Touchscreen und hört sich die erste Frage an, die die Stimme stellt. Sie fordert einen auf, sich ein stilles Plätzchen zu suchen und über das Mikrofon am Kopfhörer eine Aufnahme zu machen. Man soll sich einen Namen geben und sich selbst beschreiben. Im Laufe des Spiels werden mehrere Fragen gestellt, die immer persönlicher werden und die Spieler auffordern, über ihr Leben und die Welt zu reflektieren.
An verschiedenen Stellen, an denen andere Spieler derartige Aufnahmen gemacht haben, kann man sich deren Antworten auf die Fragen der guten Fee anhören. Alle Antworten werden über die Kennungen der WLAN-Netze ungefähr verortet, an jeder Stelle kann nur ein Spieler eine Antwort hinterlassen. Die Stadt wird also im Laufe eines Spiels immer mehr mit Botschaften gefüllt.
Grenze zwischen privat und öffentlich
"Das Projekt befindet sich an der Grenze zwischen dem Privatem und dem Öffentlichen", erklärt Matt Adams, einer der drei Künstler von Blast Theory, denn "jede Person fährt ja allein durch die Stadt, die persönlichen Aufnahmen können danach aber von jedem Mitspieler gehört werden." Es entstehe dadurch eine Spannung zwischen der privaten und der öffentlichen Person, und die Technik des Spiels ermögliche es, diese Rollen neu zu leben und auf eine neue Weise mit anderen zu sprechen.
Im Gegensatz zum Spiel "Can You See Me Now?" - eine Verfolgunsjagd, bei der virtuelle und reale Räume miteinander verschränkt werden und die Spieler in Echtzeit aufeinander reagieren - ist man bei "Rider Spoke" aber nicht online und nicht während des Spiels live mit anderen verbunden. Der Handcomputer registriert die WLAN-Netze nur, er nützt sie aber nicht als Verbindung zum Internet.
Alle Aufnahmen werden vorerst nur im einzelnen Gerät gespeichert und erst am Abend auf den Server geladen, zu den Aufnahmen der anderen Spieler hinzugefügt und wieder auf die einzelnen Handcomputer heruntergeladen. Während des Fahrens ist man also - und das ist ja die Idee von "Rider Spoke" - ganz allein und auf sich gestellt, hat aber zeitverzögert Kontakt zu allen anderen, die vor und nach einem selbst am Spiel teilgenommen haben.
Beziehungen zu Fremden
Die fließende Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, zwischen dem Realen und dem Virtuellen ist ein Kernthema bei den Arbeiten von Blast Theory, der britischen Künstlergruppe aus Brighton, die seit 1991 besteht. Matt Adams: "Wir beschäftigen uns oft mit der Frage der Beziehung zu Fremden und damit, wie Menschen, die in einer Stadt mit Hundertausenden oder gar Millionen von Fremden auf so engem Raum zusammenleben, trotzdem ihre Intimität wahren können, wie sie sich miteinander arrangieren und in welchen Situationen sie einander vertrauen."
Bei dem sehr aufwendigen Spiel "Uncle Roy All Around You" von Blast Theory mussten die Teilnehmer sogar sehr viel Vertrauen aufbringen und bei einer Tour durch die Stadt zum Beispiel zu einem ihnen Unbekannten ins Auto steigen, der sagte, er werde sie zu Uncle Roy bringen.
Bei "Rider Spoke" sei die Idee gewesen, so Adams, wie Menschen ihre eigene Identität wahren und in ihrer eigenen Art sprechen, und trotzdem mit Hunderten anderer Menschen im Dialog sein können. "Diese Frage hat uns gebannt, und wir haben lange darüber nachgedacht, wie wir das umsetzen können", sagt er.
Neun Monate Entwicklungsarbeit
Neun Monate lang haben Blast Theory mit Unterstützung von Forschern des Mixed Reality Lab der University of Nottingham an der Entwicklung von "Rider Spoke" gearbeitet und dabei Kommunikationsmöglichkeiten entwickelt und Technologien hinterfragt. In der Anwendung wirkt das Spiel einfach, doch dahinter stecken einerseits eine tiefere Bedeutung und andererseits viel technische Entwicklungsarbeit - wie immer bei Blast Theory.
"Wir haben in den vergangenen Jahren sehr stark mit 'location based technologies' gearbeitet", so Matt Adams. "Wir haben sehr viel über die Stadt als kulturellem Raum nachgedacht, was es bedeutet, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein. Und wir haben festgestellt, dass es nicht um den exakten Ort geht, sondern um den Zusammenhang. Aus dieser Überlegung ist 'Rider Spoke' entstanden.“
Die Politik von Kommunikationstechnologien
Kommunikationstechnologien sind für Blast Theory bei der Entwicklung ihrer Spiele und Projekte immer ein zentrales Element – einerseits als Mittel zur Erreichung neuer interaktiver Erlebnisse, andererseits selbst als Inhalt. "In unserer Arbeit geht es um die Politik von Kommunikationstechnologien", sagt Matt Adams. Es gehe darum, welche neuen Formen der Kommunikation und welche neuen kulturellen Ausdrucksformen diese Technologien uns ermöglichen und wie das unsere Beziehungen zu anderen Menschen verändert.
Eine Testfahrt mit "Rider Spoke" zeigt, dass es funktioniert: Obwohl man auf den Verkehr achten muss und selbst wenn man durch das ungewohnte Leihrad und den Umgang mit dem kleinen Computer irritiert ist, kippt man sehr schnell in das Spiel hinein und fühlt sich den anderen Spielern verbunden, obwohl man sie nicht kennt und nicht sieht.
Mehr zur Ars Electronica:
~ Link: "Zensur wird nichts nützen" (../http://www.fuzo-archiv.at/?id=1626333v2) ~
~ Link: Die Neuerfindung des Lebens (../http://www.fuzo-archiv.at/?id=1624645v2) ~
(Sonja Bettel)
