© Bild: Ars Electronica, Ars Electronica Festivalsujet 2009

"Zensur wird nichts nützen"

ARS ELECTRONICA
04.09.2009

Bei der Linzer Ars Electronica wird am Samstag im Rahmen des Symposions "Cloud Intelligence" erörtert, wie Webzensur mit Hilfe sozialer Medienanwendungen umgangen werden kann.

"Eines Tages wird Zensur nichts mehr nützen", sagt der chinesiche Blogger Isaac Mao in Hinblick auf die Anstrengungen der chinesischen und anderer Regierungen, die Internet-Kommunikation unter Kontrolle zu halten, am Freitagvormittag bei der Ars Electronica in Linz. Denn Online-Zensur kann im sozialen Web umgangen werden - auch wenn einzelne Websites kontrolliert werden.

Mao, dessen Teilnahme an der Ars Electronica wegen des über ihn verhängten Hausarrests bis zuletzt unsicher war, sieht darin eines der großen Verdienste der "Cloud Intelligence", die am Samstag zum Abschluss des EU-Kulturhauptstadtjahr-Projekts "80+1" Thema eines Symposions ist.

In Summe "große Auswirkungen"

"Cloud Intelligence", das ist jener Effekt des Web 2.0, der abseits von Statusmeldungen auf Facebook und Blog-Posts Grund zur Hoffnung auf "gemeinsam gefundene Lösungen" für weltweite oder auch lokale Probleme macht, so Mao.

Über verschiedene Kanäle verbreitet sich online das Wissen all jener, die am "Social Web" teilnehmen. Und auch wenn der Einzelne oft nicht allzu viel Kohärentes beizutragen hat - in Summe kann "jedes Bisschen an Information woanders große Auswirkung haben", sagt der chinesische Blogger und Internet-Aktivist.

"Evolution am Werk"

Mit dem Online-Zusammenschluss der menschlichen Intelligenz "sehen wir Evolution am Werk", sagt Mao. "Wir haben jetzt viele Brücken, wo früher keine waren. Immer mehr Menschen schließen sich über Länder- und Sprachgrenzen hinweg zusammen." Durch dieses gemeinsame und dezentrale Vorgehen können auch Zensur- und Repressionsmaßnahmen umgangen werden, schilderte Mao, der laut Ars-Electronica-Leiter Gerfried Stocker unter Umständen nicht nach China zurückkehren darf.

"Die Katze kann nicht vorhersagen, wohin die Maus läuft", so Mao über die vielfältigen Möglichkeiten, online an der Zensur vorbei Information zu verbreiten. So wird auf gesperrte Websites u. a. über Proxies zugegriffen, die den auf der Website enthaltenen Text in eine Bilddatei umwandeln und so für die Zensurbehörden unauffindbar machen.

Mehr zum Thema:

ORF.at hat mit Mao im vergangenen Jahr auf der Ars Electronica über Weblogs und Webzensur in China gesprochen.

~ Link: Bloggen hinter der "Großen Firewall" (../../http://www.fuzo-archiv.at/?id=305846v2) ~

Menschen "trauen sich mehr"

Darüber hinaus sind Online-Aktionen in China weit weniger riskant als politische Aktivitäten in der Realität. Und die Menschen "trauen sich mehr", wenn sie informiert sind, sagt Mao. So habe ein Aktivist bei seiner Verhaftung noch schnell eine Twitter-Meldung abgesetzt, in welches Gefängnis er geschafft wird. Daraufhin hat die Online-Community in so großer Anzahl Postkarten an dieses Gefängnis geschickt, dass der Aktivist letztlich wieder freikam. "Postkartenschicken ist für sich genommen nicht gefährlich", betont Mao.

Mao leitet am Samstag gemeinsam mit David Sasaki das Symposion "Cloud Intelligence", bei dem unter anderen ein Blogger aus dem Iran über die Nachwahl-Proteste in seinem Land sprechen wird. Weitere Themen sind u. a. Aktivismus ohne zentrale Organisation und "verteilte Super-Intelligenz".

Abschluss für virtuelle Weltreise

Mit dem Symposion schließt die Ars Electronica ihr Linz09-Projekt "80+1" ab. Dabei sind in den vergangenen Monaten - inspiriert von Jules Vernes "Reise um die Welt in 80 Tagen" - vom Linzer Hauptplatz aus 80 Orte virtuell bereist worden, um sich anhand der dortigen Begebenheiten mit aktuellen und ewigen Menschheitsfragen wie Glück, Alter, Hunger und Migration auseinanderzusetzen. Als letzter dieser Orte steht am Freitag noch die Raumstation ISS im Zentrum, der 81. "Ort" beim Symposium am Samstag wird die Zukunft sein.

"Realer Nutzen"

Dabei hat die von der fiktiven Reise des Phileas Fogg inspirierte Reise auch zu einem, wie sich später herausstellte, fiktiven Ort geführt, wie Stocker Freitagfrüh schilderte. Eines der eingereichten Projekte war "zu gut, um wahr zu sein": Der Berliner Medienkünstler Niklas Roy habe es sich zur Aufgabe gestellt, das "perfekte Projekt für '80+1' einzureichen, und sich als junge Ingenieurin aus Mali ausgegeben", so Stocker. In dem afrikanischen Land sei nach den Angaben des Künstlers ein Brunnen direkt neben einem Internet-Cafe gestanden, der dann für "80+1" mit dem Linzer Hauptplatz verbunden wurde.

Jedes Mal, wenn in Mali der Brunnen "bedient" wurde, füllte sich in Linz eine Toilettenspülung. War diese einmal leer, musste man in Linz einen Euro an eine NGO spenden, um wieder Wasser zu bekommen. Diese Gelder fließen in die Wasserversorgung in Mali. "Obwohl das Projekt also fiktiv war, entstand ein realer Nutzen" für die afrikanische Bevölkerung, schmunzelte Stocker, der ganz offensichtlich über die Täuschung nicht verärgert war. "Das passt ideal zu uns: Das Virtuelle wurde greifbar."

Mehr zum Thema:

(APA)