© Bild: Ars Electronica, Ars Electronica Festivalsujet 2009

Die Neuerfindung des Lebens

ARS ELECTRONICA
20.08.2009

Die 30. Ausgabe des Linzer Festivals für Kunst, Technologie und Gesellschaft, Ars Electronica, widmet sich heuer der menschlichen Natur. Unter dem Zentralthema "Human Nature" werden von 3. bis 8. September industrielle und technologische Eingriffe in die Grundlagen des Lebens untersucht.

"Mit Bio- und Gentechnologie hat die Menschheit den ersten Schritt unternommen, die Natur in ihren Grundlagen zu verändern", sagte Gerfried Stocker, künstlerischer Direktor der Ars Electronica, bei der Präsentation des diesjährigen Festivalprogramms am Donnerstag in Wien. Die Jubiläumsausgabe zum dreißigsten Geburtstag des Linzer Festivals nähert sich der Umgestaltung der Natur durch den Menschen umfassend an. Neben Bio- und Gentechnologie werden auch künstlerische und wissenschaftliche Ansätze in der Robotik und im Bereich der digital vernetzten Natur thematisiert.

Android im Kaffeehaus

Wie die Präsenz und die Wesenszüge eines Menschen erfasst und auf die Roboter übertragen werden können, untersucht etwa der japanische Wissenschaftler Hiroshi Ishiguro von der Universität Osaka, der als "Featured Artist" zum Festival eingeladen wurde. Mit seinem Geminoid bildete sich Ishiguro selbst als Roboter nach. Der Android sitzt bereits seit rund einer Woche als Gast im Cafe des Linzer Ars Electronica Center. Dort liefere er Erkenntnisse darüber, wie Menschen auf die Anwesenheit eines Androiden reagieren, so Stocker.

Hiroshi Ishiguro und sein Android.

Beim Festivalsymposion wird Ishiguro, der in einem nächsten Schritt auch seine Familie robotisch klonen will, am Freitag, dem 4. September, mit dem deutschen Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker Friedrich Kittler über den menschlichen Drang zur Weiterentwicklung der Natur diskutieren.

Weitere Gäste des "Human Nature"-Symposions sind der brasilianische Biokünstler Eduardo Kac, der wissenschaftliche Direktor am Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien, Josef Penninger, und der kanadische Soziologe und ehemalige Direktor des McLuhan Program in Culture and Technology, Derrick de Kerckhove.

Intelligenz in der Wolke

Tags darauf werden in dem vom chinesischen Blogging-Pionier Isaac Mao und David Sasaki vom Bürgermedienprojekt Global Voices Online kuratierten "Cloud Intelligence"-Symposion die Möglichkeiten globaler Vernetzung erörtert.

Die Konferenz, die gleichsam den Abschluss der seit Mitte Juni virtuellen Weltreise "80 + 1" darstellt, untersucht den nächsten Schritt in der Globalisierung. Nach der industriellen Revolution und der Globalisierung der Information und der Netzwerke gehe es nun um die Globalisierung des Handelns und der Aktion, so Stocher.

Mao war auch im vergangenen Jahr bei der Ars Electronica zu Gast, wo er über Social-Media-Anwendung als wichtiges Mittel zur Veränderung der chinesischen Gesellschaft sprach.

Mehr zum Thema:

~ Link: Bloggen hinter der "Großen Firewall" (../../http://www.fuzo-archiv.at/?id=305846v2) ~

Zu Gast sind unter anderen der schwedische Transhumanist Anders Sandberg, der über "verteilte Superintelligenz" sprechen wird, Global-Voices-Mitbegründer Ethan Zuckerman und der iranische Blogger Hamid Tehrani. Ob auch Kurator Mao an Ort und Stelle sein werde, sei ungewiss, so Stocker: "Er steht derzeit in China unter Hausarrest."

Vielfältige Blickpunkte in der Festivalausstellung

Ein breites Spektrum der Interpretation von "Human Natur" wird die Festivalausstellung zeigen. Dort ist unter anderem das Projekt "Drink.Pee" der US-Künstlerinnen Britta Riley und Rebecca Bay zu sehen, das Erkundungen zur Wiederverwertung von Urin als reichhaltige Nahrungsquelle und Düngemittel anstellt.

Michael Burton: "Future Farm"

Der belgische Künstler Lawrence Malstaf wird sich im Rahmen seiner Installation "Shrink" in eine Kühlhaltefolie einschweißen lassen und Michael Burton stellt mit seiner "Future Farm" eine dystopische Vision vor, die der Menschen pharmazeutische Produkte und Stammzellen auf und im Körper kultivieren und produzieren.

MIT Media Lab zu Gast

Bei der diesjährigen Campus-Ausstellung ist das renommierte MIT Media Lab in der Linzer Kunstuniversität zu Gast. Mit 36 Arbeiten aus dem Repertoire der US-Forschungsstätte soll es die bisher größte Schau des Zukunftslabors werden, so die Ars-Electronica-Veranstalter.

Jubiliäumsfestival

Das Thema "Human Nature" sei die Fortsetzung eines Diskurses, der bei der Ars Electronica von Beginn an geführt wurde, erläuterte Christine Schöpf, die Kodirektorin des Festivals. Bereits 1979 sei in Linz der "modulierte Mensch" und das Zusammenspiel von Mensch und Maschine thematisiert worden.

Die eigene Geschichte will das Festival zum dreißigsten Geburtstag nur am Rande thematisieren. In "History Talks" werden Künstler und Teilnehmer individuelle Blickpunkte auf die Ars werfen und die Geschichte des Festivals "in anekdotischer Form Revue passieren lassen", so Schöpf.

Sternennacht zum Auftakt

Weitere Programmpunkte sind unter anderem das Fassadenfestival, bei dem die in die 5.100 Quadratmeter große gläserne Hülle des neuen Ars Electronica Centers eingelassenen 40.000 LEDs für künstlerische Experimente genutzt werden sollen, "Signs & Signals", bei dem Musiker und FM4-DJs Radiowellen zu einem "sichtbaren Erlebnis" machen wollen, die Konferenz Pixel Spaces und eine Ausstellung zu "Device Art" im Ars Electronica Center.

Die Goldenen Nicas werden am 4. September im Rahmen einer Galanacht vergeben. Die traditionelle Linzer Klangwolke findet am Tag darauf statt. Den Auftakt der Ars Electronica macht am Donnerstag, dem 3. September, die "Sternennacht". Dazu sind alle Linzer aufgerufen, ab 22.00 Uhr für zwei Stunden das Licht abzudrehen. Damit soll ein vom Lichtsmog weitgehend befreiter Blick auf den Linzer Sternenhimmel ermöglicht werden.

Mehr zum Thema:

~ Link: Die heurigen Preisträger der Ars Electronica (../../http://www.fuzo-archiv.at/?id=1603713v2) ~

(futurezone/Patrick Dax)