Fernsehen als P2P-Livestream
Die P2P-TV-Software Zattoo ermöglicht das Livestreaming von Fernsehkanälen über das Internet. Bis Ende des Jahres will Zattoo auch in Österreich starten. ORF.at hat mit Nick Brambring, der bei Zattoo für Mittel- und Osteuropa zuständig ist, über Fernsehen im Internet und veränderte TV-Nutzungsgewohnheiten gesprochen.
"Wir haben festgestellt, dass viele Leute bereits den PC als Hauptmedium nutzen", sagte Brambring vergangene Woche bei der Euroforumtagung "Die Zukunft des Kabel-TV" in Köln zu ORF.at. Der PC löse das TV-Gerät vor allem bei jungen Leuten zunehmend in der Mediennutzung ab. Fernsehen werde dabei Teil des Multitasking. "Die Leute schreiben E-Mails, tummeln sich auf Social-Networking-Plattformen und konsumieren eben auch Inhalte."
Beim Fernsehen im Netz werde aber nicht nur auf On-Demand-Lösungen zurückgegriffen. Auch das lineare Fernsehen finde im Internet sein Publikum. Genutzt werde, was geboten wird, so Brambring: "Es war also logisch, TV-Livestreaming auf den PC zu bringen."
Zattoo-Manager Nick Brambring.
Entstanden ist Zattoo aus einem Forschungsprojekt an der University of Michigan in Ann Arbor, das sich mit der Live-Übertragung von Inhalten über Peer-to-Peer-Netzwerke beschäftigte. Das gleichnamige Unternehmen wurde 2005 gegründet und ist in der Schweiz und den USA ansässig.
Österreich-Start noch heuer angepeilt
Derzeit ist der TV-Livestreaming-Dienst in Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, der Schweiz, Spanien und Großbritannien verfügbar. Den Österreich-Start peilt Zattoo noch heuer an. "Wenn wir es zum Jahresende schaffen, in Österreich zu sein, wäre ich sehr zufrieden", sagte Brambring.
P2P-Client
Um Zattoo zu nutzen, ist der Download einer Peer-to-Peer-Software erforderlich. Damit werden die verschlüsselt ausgestrahlten Sendungen entschlüsselt und das Signal an das nächste Glied im P2P-TV-Netzwerk weitergegeben. Die Auflösung bei Zattoo beträgt 352 x 288 Pixel (Widescreen: 480 x 288 Pixel), die Downstream-Rate 500 Kbit/s. Zur Videokompression wird der Codec H.264 genutzt.
Senderangebot variiert
Das Angebot an Sendern variiert von Land zu Land. In Deutschland werden mehr als 100 Sender angeboten, in Frankreich und Großbritannien sind es weit weniger. Das habe viel mit Rechteklärung zu tun, sagte Brambring. Pro Land können nur jene Programme empfangen werden, für die Zattoo auch Lizenzrechte geklärt hat. Woher die Nutzer kommen, wird mittels Geotargeting festgestellt.
In Österreich ist geplant, jene Sender anzubieten, die auch im analogen Kabel-TV präsent sind. Dazu soll es weitere Angebote geben, mit denen Zattoo bereits internationale Rechte geklärt hat.
"Möglichst viele Nutzer"
Warum aber sollten Sender, die ihr Angebot On-Demand auch selbst im Netz anbieten, auf Zattoo präsent sein wollen? "Es gibt keinen einzigen Sender, der das Livestreaming seiner kompletten Inhalte auf der Website hat", meinte Brambring. Das habe technische und auch rechtliche Gründe. Zattoo geben den Sendern die Möglichkeit, mit ihrem Produkt auf diese Art im Netz vertreten zu sein. Die Anbieter hätten auch das Interesse, möglichst viele Nutzer zu erreichen.
Während sich kleinere Sender an den Kosten beteiligen müssen, lässt sich Zattoo die Integration größerer Anbieter in sein Programm etwas kosten. Daneben muss Zattoo auch von Verwertungsgesellschaften Lizenzen für die Ausstrahlung von Inhalten erwerben.
Finanzierung über Werbung
Finanziert wird der für die Nutzer in der Basisversion kostenlose Dienst fast ausschließlich über Werbung. Die wird beim Umschalten zwischen den Sendern, während der Puffering-Zeit, in den Stream integriert und dauert bis zu 15 Sekunden. "Damit stören wir die Nutzer nicht mehr, als sie sowieso gestört werden", meint Brambring. "Ob sie während des Pufferings einen schwarzen Screen oder Werbung sehen, ist eigentlich egal." Noch sei der Dienst nicht profitabel, die Werbeumsätze seien jedoch schon recht gut. Für die Entwicklung des Videosegments in der Online-Werbung ist Brambring optimistisch, die Wachstumsraten seien enorm.
Daneben bietet Zattoo in der Schweiz seinen Dienst auch als High-Quality-Angebot (HiQ) an. Gegen einen Aufpreis von drei bis fünf Franken im Monat stehen ausgewählte Kanäle in voller TV-Auflösung (576 x 528 Pixel) zum Abruf bereit. In Spanien und Dänemark ist auch die Zattoo-Basisversion kostenpflichtig. Die Abgaben an die Verwertungsgesellschaften seien dort so hoch, so dass sich die Werbefinanzierung nicht mehr rechne, erläuterte Brambring.
Kommunikation und Austausch
Insgesamt zählt Zattoo derzeit mehr als drei Millionen Nutzer, zwei Drittel davon sind zwischen 18 und 40 Jahre alt. Der Großteil (mehr als 60 Prozent) ist männlich. Die Kommunikation zwischen Nutzern während des Medienkonsums gewinne zunehmend an Bedeutung, meinte Brambring. Zattoo will den Austausch unter den Nutzern deshalb künftig mit eigenen Chat-Features fördern. Daneben soll der Dienst auch um personalisierte Programmempfehlungen angereichert werden.
Neben dem Livestreaming von TV-Programmen will Zattoo in Zukunft gemeinsam mit Partnern auch On-Demand-Inhalte anbieten. Die Verlinkung zwischen linearen und On-Demand-Produkten werde künftig an Bedeutung gewinnen, ist Brambring überzeugt. Serien, die in linearen Programmen laufen, könnten auf Partner-Websites auch auf Abruf bezogen werden. "Der User soll einfach hin und her switchen können."
(futurezone/Patrick Dax)
