"Die Nutzer sind die TV-Revolutionäre"
Vom alten "Lagerfeuer"-Fernseherlebnis über mobile Geräte bis zu Streaming-Lösungen am PC: Der Konsument kann künftig entscheiden, was er wann wo sehen möchte. Die Technologie dafür sei längst vorhanden, nun seien intelligente Anwendungen gefragt, waren sich Experten im Rahmen der Österreichischen Medientage einig.
Beim Branchentreff der österreichischen Kommunikationsbranche trafen sich am Mittwoch Medienmacher und -verbreiter, um über die Zukunft des Fernsehens zu diskutieren.
Denn "auch in Österreich kennt man die Revolution ganz gerne im Vorhinein, um sich darauf einstellen zu können", stellte Unternehmensberater Werner Lauff - früher bei AOL Europe und Bertelsmann Broadband - in seiner Keynote der Diskussion mit einem Augenzwinkern fest.
Der Trend geht dabei ganz klar weiter in Richtung multipler TV-Distributionskanäle. TV-Sender müssten ihre Inhalte über mehrere Wege anbieten, um alle Zielgruppen erreichen zu können, so Lauff. Denn neben der traditionellen Zielgruppe derjenigen, die nur fernsehen wollten, gebe es auch diejenigen, die gerade etwas anderes machen und dabei spontan und sofort einen gewünschten Inhalt sehen möchten.
Die Medientage unter dem Motto "Was kommt - was bleibt" finden noch bis Freitag im Rahmen der Medienmesse 2008 in Halle D des Messezentrums Wien Neu statt.
Der Seher als TV-Revoluzzer
"Die Revolution findet nicht beim Sender oder Provider, sondern zu Hause beim Nutzer statt. Das Nutzungsverhalten ist die Revolution", brachte es Klaus Ebert von Axel Springer Digital TV auf den Punkt.
Auch Harald Himmer von Alcatel-Lucent erklärte: "Wir wissen schon lange, dass die Technologie alleine noch keinen Marktdurchbruch auslöst. Es bedarf einiger Marktentwicklung, damit die Dienste auch angenommen werden. Dies passiert genau zum jetzigen Zeitpunkt."
"Die nötigen Technologien gibt es schon"
"Immer wieder werden visionäre Vorstellungen geäußert: Man will mobil fernsehen, und beim Betreten des Wohnzimmers soll das Bild automatisch auf den Fernseher wechseln, statt einer Vielzahl an Fernbedienungen soll alles mittels Sprachsteuerung funktionieren, oder auch: Das TV-Gerät soll individuell passende Programmvorschläge machen", so Himmer.
"Es gibt viele Ideen, aber es wird von den Anbietern und intelligenten Anwendungen abhängen, was wir schlussendlich auch nutzen werden. Denn neue Technologien wird es bei der TV-Revolution der nächsten zehn Jahre keine geben, die gibt es alle schon seit längerem."
Mobilfunker: "Interaktivität ist alles"
"Die alte, passive Fernsehwelt gibt es nicht mehr, heute geht es um eine Spielwiese an interaktiven Fernseherlebnissen, die nur wir Telekomunternehmen bieten können", gab sich Telekom-Austria-Chef Boris Nemsic überzeugt. "Für mich bedeutet Interaktivität, dass man seinen gewünschten Inhalt jederzeit und überall schauen kann."
Für Orange-Chef Michael Krammer ist auch die Weiterentwicklung der Werbeformen ein entscheidender Faktor. "Werbung ist das Entscheidende, damit wir Fernsehen überhaupt ins Haus bekommen", so Krammer." Hier gebe es noch viel Aufholbedarf, denn Zukunftsthemen wie Individualisierung und Interaktivität seien in der Werbung noch gar nicht angekommen.
"Zielgruppenorientierte Werbung ist künftig ein großes Thema", erklärte auch der dritte Mobilfunker auf dem Podium, "3"-Chef Berthold Thoma. "Mit den neuen Kanälen wie z. B. Handy-TV erreichen wir Kunden, die wir sonst nicht erreichen würden."
"Es ist auch im Interesse des Zusehers, dass er seine Zeit nicht mehr mit für ihn völlig uninteressanter Werbung verschwenden muss", meinte Beat Knecht vom Schweizer Internet-TV-Dienst Zattoo.
Zattoo sieht sich als eine solche neue Form des Fernseherlebnisses. In acht Ländern werden derzeit 20 bis 60 Live-TV-Kanäle gestreamt, die Finanzierung erfolgt über Werbung. Diese wird beim Start des Players [30 Sekunden] sowie bei jedem Kanalwechsel [Zehn-Sekunden-Spots] eingespielt.
"Wir sprechen vor allem die Zweit- und Drittfernsehzuseher im Haushalt an", sagte Mitbegründer Knecht. "Sie schauen am PC, da der Hauptfernseher gerade besetzt ist, sie gar keinen Fernseher haben oder sie gerade sowieso am PC etwas zu tun haben."
Passiver TV-Konsum noch lange nicht "out"
Mobiles Fernsehen auf dem Handy sei als Ergänzung zu sehen, aber allgemein gehe der Trend eindeutig zu größeren Schirmen, erklärte Thomas Hintze von UPC in Richtung der Mobilfunker.
"Interaktivität ist nicht alles. Man sollte nicht unterschätzen, dass es eine Zielgruppe gibt, die das alte, normale passive Fernsehen noch schätzt", relativiert er die allgemeine Interaktivitätseuphorie. "Ich stimme zu, der TV-Konsum am PC nimmt unter jüngeren Nutzern rasant zu. Es ist schlicht eine Generationenfrage."
(futurezone | Beate Macura)
