Software sucht den Superstar
Manche Musiktitel werden die Charts rauf und runter gespielt, während es andere nie unter die Top 40 schaffen. Die schwächelnde Musikindustrie ist gerade angesichts der sinkenden CD-Verkäufe immer auf der Suche nach potenziellen Chartstürmern und schreckt auch vor Reality-Formaten zur künstlichen Popstar- und Hit-Entwicklung nicht zurück.
Doch was macht einen Hit aus? Rein wissenschaftlich finden sich die Gründe in den mathematischen Mustern der Musik und den Gefühlen und Reaktionen, die sie beim Hörer hervorrufen.
Das spanische Unternehmen Polyphonic HMI glaubt nun einen Weg gefunden zu haben, Songs schon vor der Veröffentlichung auf ihr "Hit-Potenzial" zu überprüfen.
Deutsche Musikbranche hat den Umsatz-Blues
Die deutsche Musikindustrie hat ein Viertel ihres Marktes
eingebüßt, seitdem CDs mit dem Computer kopiert werden können.
Wurden im Jahr 1997 noch 2,59 Milliarden Euro mit Musik umgesetzt,
so waren es 2002 nur noch 1,97 Milliarden Euro.
Musik wird öfter gebrannt als gekauftMathematische Struktur lässt auf Trends schließen
Das Programm "Hit Song Science" [HSS] soll Musiktitel mit künstlicher Intelligenz auf ihre mathematischen Strukturen durchleuchten können.
Dazu werden die der Musik zu Grunde liegenden mathematischen Strukturen analysiert und mit denen aktueller Hits verglichen. Dann werden Schlüsselstellen in den Mustern isoliert, um anhand dieser feststellen zu können, ob der Song gut ankommt.
Laut Wörterbuch besteht eine Melodie aus einer Serie von Noten, die sich zu einem sinnvollen Muster zusammensetzen. Doch was im Endeffekt "sinnvoll" ist, ist eine sehr subjektive Empfindung.
Die HSS-Technologie ist in der Lage, die Muster, die auf die Hörer am attraktivsten wirken, zu identifizieren, und entschlüsselt zusätzlich andere Strukturen wie Beat, Harmonie, Tonhöhen, Klangfülle etc.
Auch aufkommende Trends im Musikbereich werden so schon anfänglich erkannt und können in die künftige Marktentwicklung einbezogen werden.
Major Labels testen die Software bereits
Polyphonic HMI arbeitet mit großen Plattenfirmen in den USA und
Großbritannien zusammen, die sich durch den Einsatz der Software
noch in diesem Jahr eine Steigerung der Musikverkäufe erhoffen. Bei
einigen Labels wie Universal UK, Sony, RCA Records der BMG-Gruppe,
Innocent [gehört zu EMI] und Liquid 8 [Independent] läuft die
Anwendung seit Ende 2002 im Testbetrieb.
Musikindustrie verkauft weniger AlbenVerringert Risiko einer Veröffentlichung
"Unsere Technologie ist so revolutionär, dass sie naturgemäß mit einiger Skepsis aufgenommen wurde. Doch sobald sich die Labels näher damit beschäftigen und die Anwendung erste Ergebnisse ausspuckt, macht sich meist Begeisterung breit", erklärt Polyphonic-HMI-Chef Mike McCready.
"Wir helfen der Industrie, ihre Produktivität zu erhöhen, indem sie mehr Platten an mehr Leute verkaufen können, und steigern außerdem die Effizienz ihrer Marketing-Ausgaben."
Muff Winwood von Sony Großbritannien ergänzt: "Die ermittelten Informationen in den Pre-Release-Berichten helfen uns dabei, die Unsicherheit vor einer Veröffentlichung zu verringern."
Polyphonic HMIHits auf Abruf oder nur Recycling?
Auch an einer Technologie, die schon bei der Produktion eines Musiktitels zum Einsatz kommen könnte, wird derzeit gearbeitet.
Zusammen mit erfahrenen Künstlern und Produzenten ergänzt die Software den kreativen Enstehungsprozess, indem sie wichtige Eigenschaften der Melodie isoliert und daraus neue Sounds und Styles gedeihen lässt.
Ob die Software wirklich "Verkaufsschlager auf Abruf" liefern kann oder ob sie die Musikauswahl durch bloßes Hit-Recycling immer uniformer werden lässt, bleibt abzuwarten.
Doch da die Musikindustrie vor allem in letzter Zeit lieber auf Nummer sicher geht, wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis der erste vom Computer generierte Hit die Charts in Angriff nimmt.
