Ende der Lähmung oder neue Monopole
Nach dem vorläufigen Schlusspunkt im US-Kartellprozess gegen Microsoft, sind die Reaktionen naturgemäß gespalten:
Der Konzern und seine Partner sehen Microsoft jetzt unter strenger Beobachtung aber gleichzeitig soll auch das Ende der "Lähmung" durch den laufenden Prozess der gesamten Software-Industrie neue Impulse geben.
Kritiker und Konkurrenten sehen dagegen einen endgültigen "Freifahrtschein" für den Konzern, wobei der Tenor dahin geht, dass Microsoft sein Monopol auf dem Desktop dazu nützen wird, es auf andere Bereich auszuweiten.
Nach mehr als vierjährigem Prozess wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens hat Bundesrichterin Colleen Kollar-Kotelly am Freitag den Kernpunkten einer außergerichtlichen Einigung zwischen Microsoft und dem US-Justizministerium zugestimmt und den größten Teil weitergehender Forderungen von neun US-Bundesstaaten abgelehnt.
Richterin stimmt Microsoft-Kompromiss zu"Dunkle Wolke über der Industrie"
"Das Urteil bedeutet schon einen erheblichen Einschnitt in unser Geschäftsgebaren," kommentierte Thomas Baumgärtner, Sprecher von Microsoft Deutschland, das Urteil:
"Wir müssen auch die Schnittstellen zur Verwendung unserer APIs weitgehend offen legen, wo wir dann nicht sicher sein können, ob diese nicht missbräuchlich genutzt werden."
Jonathan Zuck, Vizepräsident des Microsoft-nahen Interessenverbandes Association for Competitive Technology sieht zwar in diesem Sinne auch eine "fundamentale Änderung im Geschäftsgebahren" Microsofts, gleichzeitig weist er aber auch darauf hin, dass das Ende des Prozesses für die gesamte Software-Branche einen positiven Impuls darstellt:
"Dieser Fall hing jahrelang wie eine dunkle Wolke über der Industrie, die Investitionen und die technologische Entwicklung verlangsamt hat," meint Zuck.
Ausführliches Interview mit dem deutschen Konzern-Sprecher nach dem Urteil im Kartellprozess:
"Nun wird uns massiv auf die Finger geguckt"Kampf ums beste Zitat
Die Kritiker des Konzerns sehen den von Zuck beschriebenen "Klimawechsel" für die Branche natürlich ganz anders:
"Das [Urteil] bedeutet, dass es keinen Weg gibt, Microsofts Festung einzunehmen," kommentierte Roger Kay, PC-Analayst bei International Data Corp. "Microsoft gehört der Desktop und demnächst könnte ihnen auch das Wohnzimmer gehören."
Ken Wasch, Präsident der Software Information Industry Association, geht noch einen Schritt weiter und meint, dass "zu erwarten ist, dass MS die gleichen Taktiken, die die Dominanz auf dem Desktop gebracht haben, auch in anderen Bereichen anwenden wird". Dabei werden immer wieder die Bereiche Musik-Distribution und der Fernseher als Zentrum des digitalen Wohnzimmers als nächste Ziele des Konzerns genannt.
Ähnliche Befürchtungen sind dieser Tage reihenweise zu hören, wobei im Eifer des Gefechts um den schmissigsten Kommentar auch merkwürdige "Doppelsager" zu verzeichnen sind: Der Satz "Microsoft hat jede Schlacht verloren, aber den Krieg gewonnen" wurde angeblich gleich von verschiendenen Experten gesagt [Edmund Mierzwinski von der Public Interest Research Group. bzw. Shane Greenstein, Professor an der Kellogg Graduate School of Management].
Die Stationen im MS-KartellverfahrenWeitere Prozesse
Während das allgemein als wichtigster Prozess eingestufte US-Kartellverfahren ein [vorläufiges] Ende gefunden hat, sind weitere Verfahren für Microsoft aber noch nicht ausgestanden:
Sun hat den Konzern im März erneut verklagt und verlangt dabei eine Ausgleichszahlung von mehr als einer Milliarde USD für den Ausschluss von Sun-Produkten aus Windows.
Die Klage beruht teilweise auf Feststellungen aus dem US-Kartellprozess und laut Beobachtern wie Michael Silver, Windows-Analyst bei Gartner, könnten nach diesem Muster noch eine Reihe von weiteren Zivilprozessen auf MS zukommen.
Außerdem wartet in der EU noch ein weiteres Kartellrechtsverfahren auf den Konzern von Bill Gates. Hier ermittelt die EU-Kommission gegen Microsoft wegen des Verdachts, dass der Konzern seine marktbeherrschende Stellung bei den Arbeitsplatzrechnern ausnutzt, um seine Position bei den Servern zu verbessern.
EU-Kartellverfahren wartet auf MicrosoftDer dreijährige Rechtsstreit um Microsofts Lizenzierung von Suns Java-Technologie schien Anfang 2001 zunächst gelöst: Das Gericht entschied, dass MS 20 Millionen USD zahlen und auf das Java-Logo sowie auf die Bezeichnung "Java-kompatibel" in seinen Produkten verzichten müsse. Ein neuer Lizenzierungsvertrag befristete eine Verwendung Javas in Microsofts Produkten zudem auf sieben Jahre.
Sun will eine Mrd. USD von Microsoft
