Online-Spiel sucht Gewerkschaftschef

28.06.2006

Das Funktionärsdenken hat mittlerweile die Spielewelt erreicht: Das virtuelle Österreich im Internet-Game "Power of Politics" ["PoP"] sucht einen neuen Gewerkschaftspräsidenten. Optional kann man sich auch als Chef des Fußballbundes bewerben.

Jede Woche werden bei "PoP" bestimmte öffentliche Funktionen ausgeschrieben. Der Ausschreibungsmodus ist dabei fast schon Vorlage für die aktuelle Politik: Es dürfen sich nur Politiker bewerben, die bei der Wahl kein Mandat erreicht haben.

Wer Gewerkschaftspräsident werden will, muss Öffentlichkeitspunkte im Bereich Arbeit sammeln. Ein spezielles Wissensgebiet ist für diese Position nicht erforderlich.

Vom Fußballbund zum Opus Dei

Neben dem obersten Gewerkschaftsboss stehen auch Funktionen wie der Präsident des Fußballbundes, Sprecher für Opus Dei und der Wirtschaftskammerpräsident zur Auswahl.

Immer mehr Möchtegern-Politiker werden bei "PoP" aktiv und bestimmen dort die virtuelle politische Lage selbst. Das Strategiespiel des österreichischen Politologen Peter Merschitz hat innerhalb eines halben Jahres knapp 24.000 User angezogen.

Politiker spielen

Als virtuelle Politiker planen sie selbst ihren Wahlkampf, nehmen Termine wahr und verhandeln wie im echten Leben mit anderen Parteien, um in die Regierung zu kommen. Gewählt wird jeden Sonntag.

Für 70.000 Nutzer gerüstet

Die wachsende Nutzeranzahl ist auch eine Bewährungsprobe für die dahinter liegende Technik. Bisher gab es laut Merschitz allerdings keinerlei Probleme: "Seit Beginn von 'Power of Politics' hatten wir keinen einzigen wirklichen Serverausfall. Unsere Engine ist derzeit für rund 70.000 User gerüstet. Pro Minute werden im Spiel an die 16.000 Transaktionen - also Updates, Terminbuchungen, Foreneinträge usw. - abgewickelt. Das ist mehr als in einer mittelgroßen Bank."

Expansion nach Europa

Mittlerweile können die Online-Politiker auch in Deutschland, der Schweiz und in Liechtenstein kandidieren. Im Herbst will man nach Großbritannien und Frankreich expandieren. Bis zur EU-Wahl im Jahr 2009 soll "PoP"-Europa fertig ausgebaut sein.

Parallel dazu müssen sämtliche Feeds in alle europäischen Sprachen übersetzt werden. Die englischsprachige Version soll bis September fertig sein.

Dynamische Wallpaper

"Supporter" [User, die gegen Gebühr zusätzliche Features erhalten] können sich dynamische Bildschirmhintergründe herunterladen. Über diese kann der Spieler am Desktop sehen, wann er eine Ingame-Message erhält.

Zwei Mal pro Woche erscheint eine eigene Online-Zeitung für "PoP". Sie wird automatisch generiert und informiert über die Wahlen, Regierungsbildungen oder die Lebensqualität in den einzelnen Gebieten.

Politik macht Schule

Um auch Jugendlichen Politik näher zu bringen, haben die "PoP"-Betreiber zuletzt gemeinsam mit dem Bundesrat ein Pilotprojekt gestartet.

Vier niederösterreichische Schulklassen spielten dafür drei Monate lange im Unterricht "Power of Politics". Sie mussten zu drei Problemstellungen im Internet recherchieren.

Am Ende des Projekts trafen sich die Schüler aus Krems, Hollabrunn, St. Pölten und Mödling im Bundesrat und versuchten, ihre Meinung zu den vorbereiteten Themen in den Ausschüssen durchzusetzen.

Verständnis für Demokratie

Neben jungen Menschen gibt es für Merschitz noch eine andere Zielgruppe, die mit seinem Spiel Politik-fit gemacht werden soll: Länder, in denen es noch mangelndes Demokratieverständnis gibt.

"Wir wollen deren Bevölkerung über politische Zusammenhänge informieren und sehen darin eine Chance, demokratisierend zu wirken. Und das als Online-Game."

Zukunftsmusik im Online-Gaming

Ab 1. September sollen auch Musikclips von heimischen Nachwuchskünstlern und Videoclips mit aktuellen Nachrichten aus aller Welt in das Spiel eingebaut werden. Am Schreibtisch jedes Netzpolitikers wird dann neben Computer, Zeitung und Medienbericht auch ein iPod zu sehen sein.

(Reinhard Kreiner)