Ein Stimmungsbarometer für das Web
An der Universität von Amsterdam wurde eine Software entwickelt, die die Gefühle der Netz-Community erfassen und auswerten soll. Auf Basis von Weblog-Einträgen wird dabei seit rund einem Jahr jeden Tag ein Stimmungsbild gezeichnet.
Das Internet stellt nicht nur unzählige Informationen bereit: Mit der Fülle an persönlichen Einflüssen, die über Weblogs, Social-Networking-Portale und andere Plattformen verbreitet werden, macht sich so etwas wie ein "kollektives Bewusstsein" breit.
Diese Entwicklung hat ein Team der niederländischen Universität von Amsterdam als Anregung für eine Software genommen, die als Stimmungsbarometer im Netz fungieren soll.
Die Emotionen der Blogger-Community
"MoodViews", so der Name des Programms, misst die Stimmung der Netz-Gemeinschaft, genauer gesagt die von rund zehn Millionen Weblogs.
Das US-Service LiveJournal bietet seinen Bloggern die Möglichkeit, ihre Einträge mit Stimmungsnoten zu versehen. Jeden Tag verbucht LiveJournal rund 250.000 neue Einträge, fast 150.000 tragen solche Stimmungsmarken.
Die LiveJournal-Blogger können aus 132 Emotionen von "fröhlich" über "ängstlich" bis "traurig" auswählen, um ihre Einträge zu markieren.
Ursachenforschung
"MoodViews" besteht aus drei Applikationen: "Moodgraph" registriert die Markierungen und generiert daraus einen Stimmungsgrafen, der die Emotionen der LiveJournal-Nutzer widerspiegelt.
"Moodteller" soll Stimmungsschwankungen auf Grund der vorliegenden Messungen auch voraussagen können. "Moodsignals" soll die Ursachen für bestimmte Emotionen ausfindig machen und durchsucht dafür die Texte nach möglichen Gründen.
Seit Juni 2005 wird dabei täglich ein Stimmungsbarometer erstellt. Dabei sollen auch weltbewegende Ereignisse wie Katastrophen und Attentate herausgelesen werden können.
Weniger Stress im Sommer
Generelle Muster ließen sich auch schon erkennen: etwa dass der Ausdruck "gestresst" in den Sommermonaten seltener vorkommt als im Winter, und "betrunken" fühlen sich die Blogger am Wochenende öfter als unter der Woche.
"Moodsignals" wurde vergangenen Sommer bereits erfolgreich eingesetzt, als sich an einem Juli-Wochende die Stimmungsmarken rund um Aufregung und Freude häuften. Bei der Textanalyse stieß das Tool vermehrt auf die Begriffe "Buch", "Harry" und "Potter" - der Gegencheck mit einer News-Suchmaschine machte die Lösung klar: die Veröffentlichung eines neuen Harry-Potter-Bandes.
Die Technik wird immer öfter darauf getrimmt, auf die Gefühle ihrer Nutzer zu reagieren.
Kommerzielle Nutzung denkbar
Ein Stimmungsbarometer im Netz ist nicht nur Spielzeug für die Wissenschaft, sondern durchaus auch für den kommerziellen Einsatz denkbar.
So habe die Wirtschaft bereits Interesse gezeigt, das Tool einzusetzen, um zu beobachten, wie etwa verschiedene Produkte und Marken von den Konsumenten eingeschätzt und beurteilt werden.
Auf lange Sicht wollen die Entwickler jedoch eine emotionale Suchmaschine aufbauen, die bei der Eingabe des Suchbegriffs gleich mit der Meinung bzw. den Gefühlen der Netz-Community dazu aufwartet.
(futurezone | New Scientist | Scenta)
