Bild: ORF.at, Patrick Dax

"Wir glauben an offene Systeme"

10.09.2007

Die Online-Welt "Second Life" ist auf der Ars Electronica in Linz allgegenwärtig. Robin Harper, Vizepräsidentin des "Second Life"-Betreibers Linden Lab, hat mit ORF.at über falsche Erwartungen an virtuelle Welten, Kinderpornografie im Metaversum und über die Open-Source-Pläne von "Second Life" gesprochen.

In Linz ist es dieser Tage fast unmöglich, nicht auf die virtuelle Welt "Second Life" aufmerksam zu werden. Der Pfarrplatz und die Marienstraße wurden im Rahmen der Ars Electronica zu Abziehbildern des Metaversums und heißen nun "Second City". Auch in der Linzer Einkaufsstraße Landstraße und auf dem Hauptplatz tummeln sich die Avatare und andere Versatzstücke aus dem Metaversum.

Der Rote Krebs, ein Gasthaus am Rande der Altstadt, nennt sich während des Festivals "Second Krebs". Um an die Biertränke zu gelangen, braucht man einen User-Namen und wird als Spielfigur verkleidet. "Kinderfasching", meinen die einen, die anderen sprechen vom "Verschmelzen von realer und virtueller Welt".

Harper, beim "Second Life"-Betreiber Linden Lab für Marketing und Community-Entwicklung zuständig, ist vom Rummel um die Online-Welt sichtlich angetan. "Es ist fantastisch", sagt sie, "wir bemühen uns, das wirkliche Leben in 'Second Life' zu bekommen. Hier wird 'Second Life' ins wirkliche Leben gebracht."

"Second Life" ist eine virtuelle 3-D-Welt, die seit 2003 öffentlich zugänglich ist. Die Spieler des Massive Multiplayer Online Game [MMOG] können ihre "Welt" weitgehend selbst gestalten. Um Grundstücke und Einrichtungsgestände im Metaversum hat sich ein reger Handel entwickelt. Als Währung fungieren Linden-Dollars, die auch gegen US-Dollar umgetauscht werden können. Linden-Lab-Vizepräsidentin Harper [Bild] war vergangene Woche auf der Ars Electronica zu Gast, wo im Rahmen der "Second City" das Wechselspiel zwischen virtuellen und realen Räumen thematisiert wurde.

ORF.at: Über die tatsächlichen Nutzerzahlen von "Second Life" gibt es immer wieder Spekulationen. Wie viele Leute nutzen eigentlich Ihre Online-Welt?

Harper: Insgesamt haben wir derzeit über neun Millionen Nutzer-Accounts. Das heißt aber nicht, dass wir neun Millionen Nutzer haben, weil eine Person mehrere Accounts anlegen kann.

Im vergangenen Monat wurde "Second Life" von rund einer Million verschiedenen Menschen tatsächlich genutzt. Im Laufe einer Woche zählen wir derzeit durchschnittlich rund 500.000 einzelne User [Unique User].

ORF.at: Zuletzt war davon die Rede, dass sich viele Unternehmen aus "Second Life" zurückgezogen haben. Haben Sie eine Abwanderung bemerkt?

Harper: Dass einige Unternehmen "Second Life" wieder verlassen haben, hat sehr viel mit einem grundsätzlichen Missverständnis zu tun. Wir haben Unternehmen wie etwa IBM, die in "Second Life" Projekte betreiben und damit auch sehr erfolgreich sind. Es gibt andere Unternehmen wie etwa Starwood Hotels, die ein sehr spezifisches Projekt in "Second Life" abgewickelt haben und nun nicht mehr präsent sind, weil ihr Projekt erfolgreich beendet wurde.

Und es gibt Unternehmen, die "Second Life" nicht verstanden haben. Sie haben sich keine Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet, Teil einer virtuellen Gemeinschaft zu sein. Wenn sie eine Website ins Netz stellen und ihre Inhalte nie erneuern, kommen die Leute einmal und dann nie wieder. So ist es auch in "Second Life". Man muss sein Angebot ständig erweitern und aktuell halten und den Leuten etwas bieten.

ORF.at: In Deutschland wurde "Second Life" vor kurzem mit Kinderpornografie in Zusammenhang gebracht. Wie gehen Sie mit solchen Sachen um?

Harper: Es ist unsere oberste Priorität, ein legales und sicheres Service zu bieten. Uns sind bisher nicht viele Fälle bekannt, die mit Kinderpornografie in "Second Life" zu tun haben. Insgesamt sind es weniger als fünf. In solchen Fällen geben wir die Identität der betroffenen Personen den Behörden bekannt.

Das haben wir auch in Deutschland gemacht, als wir erfahren haben, dass jemand in "Second Life" mit anstößigen Bildern, auf denen Minderjährige zu sehen waren, gehandelt hat. Die Person konnte schließlich verhaftet werden. Wir wollen solche Sachen nicht in "Second Life" und wir gehen auch entschieden dagegen vor.

ORF.at: In den USA kamen Casinos in "Second Life" ins Gerede. Das FBI hat sich angeblich auch dafür interessiert?

Harper: Es ist nicht eindeutig geklärt, ob Casinos in "Second Life" gegen die US-Glücksspielgesetze verstoßen.

Wir haben uns auf Anraten unserer Rechtsabteilung jedoch dazu entschlossen, Glücksspiele in "Second Life" zu stoppen. Alle unsere Server stehen in den USA und wir wollen alles vermeiden, was "Second Life" gefährden könnte.

ORF.at: Medienberichten zufolge arbeiten Sie an einem Zugangssystem, das auf die Rechtslage verschiedener Staaten abgestimmt werden kann. Können Sie das bestätigen?

Harper: Wir haben gerade einen Test für ein Identitätsverifikationssystem gestartet, das derzeit von 5.000 unserer Kunden genutzt werden kann. Wenn alles so funktioniert, wie wir es wollen, werden wir dieses System allen Nutzern zugänglich machen.

Damit wollen wir das Vertrauen in "Second Life" stärken. Die Identitäsverifkation bietet vor allem Leuten und Unternehmen Vorteile, die Inhalte anbieten, die nicht für Minderjährige gedacht sind. Sie können sich mit Hilfe des Systems absichern und ihr Angebot nur Leuten zugänglich machen, die über 18 Jahre alt sind.

Die Nutzung dieses Systems ist freiwillig, und wir planen auch nicht, unsere Kunden künftig dazu zu verpflichten, ihre Identität zu verifzieren.

Sollten einige Ländern an uns herantreten, weil ihnen eine freiwillige Identifikation nicht genug ist, so werden wir auf Basis unserer Geschäftsinteressen entscheiden, ob wir "Second Life" in diesen Ländern nur mit Identitätsverifzierung zugänglich machen. Das wird in jedem Fall eine geschäftliche Entscheidung sein.

In Österreich will ÖVP-Justizsprecher Heribert Donnerbauer das Strafrecht auch in virtuellen Welten wie "Second Life" zur Anwendung bringen.

ORF.at: Wie viele Leute nutzen das System derzeit?

Harper: Einige Leute nutzen es und sind sehr froh, dass wir es anbieten. Andere haben Bedenken wegen des Datenschutzes.

Persönliche Daten werden jedoch vertraulich behandelt und nach der Feststellung der Identität sofort gelöscht.

ORF.at: "Second Life" ist mit kleinen Abstrichen ein proprietäres, von Linden Lab kontrolliertes, geschlossenes System. Planen Sie, daran in Zukunft etwas zu ändern?

Harper: Wir haben unsere Client-Software bereits unter Open Source veröffentlicht. Das hat dazu geführt, dass Leute mit verschiedenen User-Interfaces experimentieren und auch dabei mithelfen, die Software besser zu machen. Da hat sich eine neue Community gebildet, die uns viel Arbeit abnimmt.

Wir glauben fest an Open Source und offene Systeme, weil sie Innovationen beschleunigen und die Vielfalt fördern.

Harper: Es gibt in diesem Zusammenhang auch noch einen anderen Punkt. Derzeit hosten wir Abertausende Server. Wir könnten viel schneller wachsen, wenn wir nicht die Einzigen wären, die "Second Life"-Server hosten. Wir wollen es in Zukunft auch anderen Anbietern ermöglichen, das zu tun, und uns so auch neue Nutzergruppen erschließen.

Wir denken gerade darüber nach, wie wir das am besten machen können. Eine Möglichkeit ist, den Code freizugeben. Es ist aber auch eine Frage des Geschäftsmodells. Wir sind ein kommerzielles Unternehmen und wir haben Anteilseigner. Wir werden aber definitiv Schritte in diese Richtung setzen.

ORF.at: Seit kurzem können Avatare in "Second Life" auch sprechen. Wie wird die Sprachfunktion angenommen?

Harper: Derzeit wird die Sprachfunktion von etwa 30 Prozent unserer aktiven User genutzt. Viele Leute, die in Online-Communitys gehen, wollen anonym bleiben. Diese Leute nutzen die Sprachfunktion nicht, weil sie ihre Privatsphäre schützen wollen. Eine Frau, die einen männlichen Avatar hat, will natürlich auch nicht als Frau erkannt werden.

Andere sind von der Sprachfunktion begeistert, weil man über die Stimme viel schneller kommunizieren kann. Das ist vor allem bei Meetings und im Unterricht in "Second Life" von Vorteil. Linden Lab hält fast alle seine Meetings in "Second Life" ab. Die Qualität der Besprechungen steigt, wenn man miteinander reden kann und nicht am Keyboard tippen muss.

ORF.at: Als Avatar habe ich in "Second Life" ganz andere Möglichkeiten, mich zu bewegen, als im richtigen Leben. Das impliziert auch, dass ich meine Umwelt dementsprechend gestalten kann. Warum sehen Häuser in "Second Life" trotzdem aus wie Häuser im richtigen Leben?

Harper: Ich war vor kurzem auf einer Konferenz, wo diese Frage von einer Gruppe von Architekten diskutiert wurde. Einige haben gesagt, wenn man sich um die Schwerkraft keine Sorgen machen muss, kann man eigentlich etwas Neues probieren.

Aber ich glaube, dass die Häuser in "Second Life" so aussehen, wie sie aussehen, weil sie so den Leuten vertraut sind. Man kann in "Second Life" seine Kultur nachbilden und so auch erforschen.

Wenn Sie eine japanische Website besuchen und die japanische Sprache nicht beherrschen, werden sie wenig über Japan erfahren. Wenn Sie hingegen japanische Inseln in "Second Life" besuchen, können sie herumgehen und auch mit den Leuten reden, weil wir auch Übersetzungswerkzeuge anbieten. Vieles in "Second Life" erinnert an das wirkliche Leben, aber es wird in "Second Life" auf eine Art und Weise zugänglich gemacht, die es im wirklichen Leben nicht gibt.

Weitere Berichte zur Ars Electronica:

Auch der Spätabend von ORF 2 steht am Montag ganz im Zeichen der Ars Electronica.

(futurezone | Patrick Dax)