29.04.2001

GERASSEL

Bildquelle: orfon

USA und China im "Kalten Infowar"

Schenkt man den Aussendungen des US-Verteidigungsministeriums und Berichten der US-Presse Glauben, befinden sich die USA derzeit mitten in einem Informationskrieg mit China - und nächste Woche stände in diesem Krieg eine massive Offensive der Chinesen an.

Die bisherigen Aktionen sind allerdings eher als Propagandakrieg zu bewerten, denn das gegenseitige Infizieren von Sites mit den eigenen Parolen hat herzlich wenig mit den Maßnahmen einer kriegerischen Auseinandersetzung auf der Datenebene zu tun.

Die derzeitige "Hack-Propaganda" ist demnach ein Geplänkel an der [medialen] Oberfläche und höchstens als Drohgebärde zu verstehen. Als echte Angriff könnte man erst DoS-Attacken bewerten und in den nächsten Eskalitionsstufen die Vernichtung von Daten und das Lahmlegen von Teilen der gegnerischen Infrastruktur.

Gefahren-Szenario

Das Pentagon beschwört in seinen Aussendungen zwar seit einigen Tagen die Gefahr von chinesischen DoS-Attacken; und China hat auch bestimmt das Potenzial, um diese durchzuführen. Aber es ist mehr als zweifelhaft, ob das Land an einer Eskalation interessiert ist.

Die derzeit harmlosen Aktionen dürften vielmehr den Zweck erfüllen, der Stimmung im eigenen Land Genüge zu tun, ohne in einen Konflikt von größerer Tragweite zu geraten.

Für einen echten Informationskrieg dürften dagegen die wirtschaflichen Beziehungen beider Länder zu eng und wichtig sein.

Da allerdings sowohl die USA als auch China sehr wohl das Potenzial haben dürften, ernsthafte Schläge in einem Infowar auszuführen, kann die momentane Situation als Beginn eines "Kalten Infokrieges" verstanden werden.

"Totale Abschreckung"

Die USA haben erst vor einem Monat angekündigt, neben dem Raketenabwehrsystem NMD auch einen "Internet-Schutzschild" aufzubauen.

Ziel dieses "virtuellen NMD" [National Missile Defence] ist es, staatliche und private Netzwerke in den USA gegen "Cyber-Angriffe" von außen zu verteidigen.

Die US-Pläne gehen dabei aber über den reinen Schutz hinaus. Es solle eine ähnlich "totale Abschreckung" erreicht werden wie mit der Nuklearstrategie der vergangenen Jahrzehnte.

Festwoche

Die FBI-Sektion "National Infrastructure Protection Center" [NIPC] hat unterdessen ein Bedrohungsszenario für die Zeit zwischen dem 30. April und dem 7. Mai aufgebaut:

Der 1. Mai [Tag der Arbeit] soll demnach von chinesischen "Hackern" genau wie der 4. und 7. Mai als Anlass für neue "Attacken" benutzt werden.

Der 4. Mai ist in China der Tag der Jugend, und der 7. Mai markiert den Jahrestag der versehentlichen Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad während des Balkankriegs durch die NATO.