Leben in Informationsruinen
Der moderne Büroarbeiter springt alle drei Minuten zu einer neuen Aufgabe. Mal schreibt er eine E-Mail, schickt eine SMS und surft im Web. Die permanente Ablenkung verhindert zusammenhängendes Denken und führt uns in ein dunkles Zeitalter, meint Buchautorin Maggie Jackson im Gespräch mit ORF.at.
Für das ständige Piepsen, Blinken und Klingeln wurden schon viele Worte gefunden: E-Mail-Flut, SMS-Lawinen, Handyterror. Die amerikanische Journalistin Maggie Jackson fasst all diese Phänomene unter dem Begriff "Klima der Ablenkung" zusammen und zeigt in ihrem Buch "Distracted" ["Abgelenkt"; "Zerstreut"], welche weitreichenden Folgen das für unsere Gesellschaft haben könnte.
Jacksons These: Der "Homo connectus" verliere an Kreativität und engen Freundschaften. Für Maggie Jackson ist die Informationsflut wie eine neue Form der Umweltverschmutzung. Sie wünscht sich eine Gegenbewegung, ähnlich der Ökowelle.
Zur Person:
Maggie Jackson ist Kolumnistin des Boston Globe und veröffentlichte im Juni das Buch "Distracted: The Erosion of Attention and the Coming Dark Age".
Darin warnt sie vor den Auswirkungen der Informationsüberlastung, sucht nach den Ursachen dieser Entwicklung und gibt einen Einblick in den aktuellen Wissensstand der Aufmerksamkeitsforschung.
ORF.at: Oft hat man das Gefühl, dass man sich gar nicht mehr konzentrieren kann, weil es dauernd piepst und klingelt. Aber steckt hinter diesem persönlichen Eindruck auch ein globales Phänomen, das viele Menschen betrifft?
Ich glaube, dass es ganz unterschiedliche Menschen betrifft – wie Eltern, Arbeitnehmer und Manager. Weil sich die Technik verbreitet und immer mehr Menschen Handys, BlackBerries und PDAs haben. Ich bekomme Anrufe von Journalisten aus Australien, England und Bogota.
Und anekdotenhaft höre ich, dass das eine Sorge in vielen Ländern ist. In der USA ist es so, dass der durchschnittliche Wissensarbeiter im Schnitt alle drei Minuten seine Tätigkeit wechselt. Er springt zu einer neuen E-Mail, ruft jemanden an oder redet mit dem Kollegen. Und alle drei Minuten macht er etwas anderes. Das zeigt, wie stark zersplittert seine Arbeit ist.
Ist dieses Springen zwischen den Tätigkeiten denn so schlimm?
Nicht unbedingt. Nur wenn das die Grundstruktur unserer Arbeit ist, kommt das unsere Produktivität und Kreativität teuer zu stehen. Untersuchungen an der Harvard Business School haben etwa gezeigt, dass Arbeiter dann kreative Arbeit erbringen, wenn sie sich konzentriert fühlen.
Fühlen sie sich hingegen zerstreut, sind sie nicht kreativ. Diese Zersplitterung der Aufmerksamkeit zehrt an unserer Kreativität. Dabei leben wir in einem Zeitalter, in dem wir nach Innovation und neuer Erkenntnis streben. Nur kann uns das unter diesen Umständen nicht gelingen. In den USA sagt etwa ein Drittel der Arbeiter, dass sie so stark beschäftigt oder abgelenkt sind, dass ihnen die Zeit fehlt, über ihre Arbeit nachzudenken.
Aber vielleicht können jüngere Menschen damit besser umgehen.
Das spreche ich in meinem Buch auch an. Es mag sein, dass jüngere Leute eine höhere Technikkompetenz besitzen. Aber eine Studie nach der anderen zeigt, dass diejenigen, die mit Technologie aufgewachsen sind, Information aus dem Web nicht richtig bewerten.
In den USA gibt es einen neuen landesweiten Test von Collegestudenten. Die Hälfte der Teilnehmer schafft es darin nicht, die Objektivität einer Website korrekt einzustufen. Und das ist wirklich eine grundlegende Fähigkeit im digitalen Zeitalter.
Sind wir auch zu Hause davon betroffen?
Ja. Auch diesen Preis zahlen wir für das Klima der Ablenkung. Erstens denken wir nicht so scharfsinnig, wie wir können. Und zweitens gehen unsere Beziehungen nicht tief genug. Eine Anthropologin hat zum Beispiel das amerikanische Familienleben studiert und herausgefunden, dass sich die Familienmitglieder abends nicht mehr grüßen – großteils, weil sie so sehr von den Bildschirmen abgelenkt sind und sich mit etwas anderem beschäftigen.
Nur in einem Drittel der Fälle sagen die Ehefrauen "Hallo" oder "Willkommen zurück", und ihre Gatten sagen es jedes zweite Mal. Dabei ist der Gruß ein grundlegendes menschliches Ritual – das anerkennt, dass jemand in eine Gruppe zurückkehrt.
Einer der Gründe, warum die Abhängigkeit von E-Mails, Instant Messages und Handys so gefährlich ist, ist die soziale Zerstreuung. Die ständige Erreichbarkeit hat dazu geführt, dass wir mit so vielen Menschen in Verbindung stehen, dass es unmöglich wird, engen Kontakt aufrechtzuhalten. Wenn sich der engere Familien- und Freundeskreis auf mehr als 23 Leute ausdehnt, nimmt die Zahl der Kontakte zwischen diesen Leuten ab – bis auf die Zahl der E-Mails.
Dann gibt es weniger Besuche, weniger Anrufe, nur der E-Mail-Versand steigt. Also verlassen wir uns auf eine gesichtslose Form der Kommunikation. In den USA sagt heute jeder Vierte, dass er keinen engen Vertrauten hat, dem er seine Probleme schildern kann. Und diese Zahl hat sich in den letzten zwanzig Jahren verdoppelt.
In Ihrem Buch sprechen Sie von einem bevorstehenden dunklen Zeitalter. Was meinen Sie damit?
Ich habe über dunkle Zeitalter quer durch die Geschichte recherchiert. Diese Epochen waren nicht nur negativ. Im Mittelalter wurden zum Beispiel viele Erfindungen gemacht wie die Windmühle und das Bankensystem. Es gibt also nicht nur Finsternis im dunklen Zeitalter.
Trotzdem ist es eine Zeit kultureller Verluste. Wenn wir uns nur auf Informationshäppchen und Kommunikationsschnipsel verlassen und das Suchergebnis von Google mit Wissen verwechseln, dann riskieren wir ein dunkles Zeitalter. Was ich damit sagen will: Wir laufen Gefahr, uns nur an der Oberfläche unseres Lebens zu bewegen.
Aber wer ist daran schuld, dass wir dauernd abgelenkt sind? Die Technologie oder wir selbst?
Viele Menschen machen die Geräte verantwortlich. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Erstens sind Geräte Werkzeuge, die wir mittels unserer eigenen Wertvorstellungen verwenden. Wir entscheiden uns selbst, Handys mit E-Mail-Funktion einzusetzen. Und zweitens halte ich es für wichtig, tiefer in die Vergangenheit zu blicken.
Die ersten hochtechnologischen Revolutionen kamen im 19. Jahrhundert auf: das Kino, die Eisenbahn, das Telegramm. Da fingen die Menschen an, Zeit und Raum neu wahrzunehmen. Wir glauben immer, wir sind die ersten, die im Cyberspace leben. Aber ich habe ein Buch aus dem Jahre 1880 gefunden, das "Wired Love" ["Liebe durch den Draht", Anm.] heißt. Darin geht es um eine virtuelle Liebesaffäre unter Telegrafisten.
Die Vorstellung, dass wir zwei Dinge zur gleichen Zeit machen können, gibt es schon lange. In langsamen Schritten näherten wir uns der heutigen Multitasking-Sucht. Deswegen ist es wichtig, sich die Wurzeln dieser Entwicklung anzusehen.
Warum ist das so, dass man ein neues E-Mail bekommt und nervös wird, wenn man es nicht sofort öffnet?
Wir Menschen sind dazu programmiert, gegenüber äußeren Reizen aufmerksam sein. Deswegen springen wir auch sofort auf ein neues E-Mail an. Das ist das Gleiche wie bei jenen Menschen, die im Dschungel lebten und auf Tiger achtgeben mussten.
Die Aufmerksamkeit ermöglicht die grundsätzliche Überlebensfähigkeit des Menschen. Es gibt drei Arten der Aufmerksamkeit: Die erste ist der Fokus, der Mittelpunkt unseres Geistes. Wir brauchen ihn für menschliche Beziehungen oder um Probleme zu lösen. Die zweite Form ist Bewusstsein, auch Wachsamkeit genannt. Dabei handelt es sich um unsere Empfindlichkeit gegenüber der Umwelt. Und die dritte Form ist die ausführende Aufmerksamkeit – die Fähigkeit, ein Urteil zu fällen, einen Entschluss zu treffen. Das Problem ist, dass wir diese drei Arten der Aufmerksamkeit nicht vollkommen ausschöpfen.
Welche Lösungsansätze gibt es?
Zuallererst müssten wir dieses ständige Klima der Ablenkung hinterfragen. Es braucht nicht normal zu sein, dass es ständig piepst und läutet. Das Ganze ist ein Umweltproblem, ähnlich wie die Luftverschmutzung.
Zum Beispiel richten manche amerikanische Firmen "Weißräume" ein. Das sind Räume ohne Technik, in denen man nachdenken kann. Ich glaube, das können wir auch zu Hause anwenden. Wir können unseren Kindern zeigen, wie sie ihren eigenen Weißraum kreieren, in dem sie ihre Hausaufgaben machen. Sie werden dann schneller und gründlicher arbeiten.
Eine Studie der University of California zeigt zum Beispiel, dass Schüler schlechter lernen, wenn sie dabei multitasken. Sie machen zwar ihre Hausaufgaben, aber sie stellen dabei keine Verbindungen zu anderen Teilen ihres Wissens her.
Also sollten wir weniger an den Maschinen hängen?
Ja, wir müssen diese lärmende Umgebung zurückdrängen. Es hat lange gedauert, bis die Ökobewegung nicht mehr als ein Haufen verrückter Leute angesehen wurde. Heute ist sie akzeptiert. Ich glaube, wir können dasselbe schaffen. Und dann müssen wir noch unsere Fähigkeit zur Aufmerksamkeit stärken.
Haben Sie Ratschläge, wie das gelingt?
Ich glaube, wir müssen gute Vorbilder sein. Wenn ich immer ein Auge am Handy habe, welche Botschaft vermittelt das?
Wir können unser soziales Verhalten verändern und darüber nachdenken, wie wir unsere eigene Umwelt verschmutzen. Wir können kleine Sachen machen, zum Beispiel darauf Acht geben, jemanden nicht zu unterbrechen.
Denn wenn ein Wissensarbeiter einmal unterbrochen wurde, braucht er fast eine halbe Stunde, um zu seiner ursprünglichen Tätigkeit zurückzufinden.
Es gibt auch die Meinung, dass die Technik das Problem für uns lösen könnte, dass intelligentere Programme helfen werden, unsere Aufmerksamkeit zurückzuerobern.
Ja, das ist ein interessanter Punkt. Technologie könnte Teil der Lösung sein. Ich traf bei IBM zum Beispiel die Forscherin Jennifer Lai. Sie hat einen Instant-Messaging-Anrufbeantworter entwickelt. Von diesem erhält man nicht einfach die Nachricht, dass der Chatpartner "away" ist. Sondern man hat die Wahl, verschieden darauf zu reagieren: Zum Beispiel kann man eine SMS schreiben, anrufen oder doch nur eine Nachricht senden, die weniger stört.
Einige Entwickler arbeiten an Technologie mit mehr Feingefühl. Ja, wir können ausgeklügeltere Werkzeuge erfinden. Aber ich glaube, dass man vorsichtig sein sollte, bevor man seine vordere Hirnrinde an eine Maschine auslagert. Es ist eine Sache, ein Hightech-Gerät als Hilfsmittel zu verwenden. Aber es ist eine andere Sache, zu glauben, dass die Maschine für uns denken wird.
Die ständige Ablenkung durch E-Mails und Anrufe kostet die amerikanische Wirtschaft jährlich 650 Milliarden Dollar, rechnet das Beratungsunternehmen Basex vor. Dieser Thematik widmete sich vergangene Woche auch der erste Kongress der Information Overload Research Group in New York, an dem Forscher und Manager teilnahmen. Auch Maggie Jackson stellte dort ihr neuestes Buch vor.
(Ingrid Brodnig)
