23.10.2003

ANALYSE

America Online blutet aus

Die zweifellos spektakulärste Übernahme der Dot.com-Ära, nämlich jene des alteingesessen Unterhaltungskonzerns Time Warner durch einen neureichen Online-Dienst namens America Online [AOL], gerät immer mehr in die Nähe eines anderen Superlativs.

Während das Medienhaus, das erst in der letzten Woche "AOL" aus seinem Namensschild gestrichen hatte, längst wieder satte Gewinne schreibt, blutet der Online-Dienst immer mehr aus.

AOL, das zu seinen besten Zeiten 30 Millionen Kunden weltweit hatte, büßte so binnen weniger Quartale ein gutes Viertel davon ein. Mit nun gemeldeten 24,5 Millionen liegt man gleich zwei Millionen unter dem Vorjahreswert.

Die Gründe für den Niedergang

Der Grund dafür, dass AOL auch weiterhin doppelt so viele Kunden im Quartal verliert wie neue dazukommen, ist in einer verfehlten Strategie rund um den Merger mit Time Warner zu sehen.

Es waren neben den "Contents" vor allem die Kabel-TV-Netze des Medienkonzerns, die ihn für AOL so attraktiv gemacht hatten. Bis auf einen verschwindenden Prozentsatz waren AOL-Kunden gleichzusetzen mit Modem-Usern.

Man hatte die zu erwartenden technischen Schwierigkeiten und damit Dauer und Kosten, die Kabelnetze auf Internet-Verkehr umzustellen, grob unterschätzt. Das Ausweichen Richtung DSL geschah spät, die Umstellung lief schleppend an.

Die großen Telekoms als maßgebliche DSL-Betreiber hatten relativ wenig Interesse, mit AOL zu kooperieren, da man mit Content selbst Geschäfte machen wollte.

Der Online-Dienst wurde einfach nicht mehr gebraucht - und das zeigt sich immer deutlicher an den Zahlen. Bei einem Umsatzrückgang von fünf Prozent gegenüber dem [sehr schwachen] Vergleichszeitraum 2002 schrieb man um acht Prozent weniger Gewinne.

Letzteres ist ohne zusätzlich angefallene Restrukturierungskosten gerechnet. Auch bei den Breitband-Neuzugängen ist nicht ausgewiesen, wie viele Kunden tatsächlich bezahlen.

Was damals befürchtet wurde

Besonders spaßig liest sich heute, welcher Art die damals vor dem Merger laut gewordenen Befürchtungen waren. In den USA zogen andere Provider für die Öffnung der Kabel-TV-Netze Time Warners für alle Internet-Anbieter vor Gericht.

Die EU-Kommission wiederum befürchtete ein Quasi-Monopol von AOL Time Warner bei Online-Musikangeboten und erließ entsprechende Auflagen. Links zu diesen ungewissen Zeiten weiter unten.