Debatte um Iraks Handynetz wird ernst
Was letzte Woche noch wie ein schlechter Scherz klang, dürfte ab heute ernsthaft im US-Kongress debattiert werden: Welche Unternehmen im Irak nach Kriegsende ein Handynetz errichten und welcher Mobilfunkstandard dabei zum Einsatz kommt.
Die USA müssten sich frühzeitig für eine Entscheidung zu Gunsten des amerikanischen Standards CDMA an Stelle des europäischen GSM einsetzen, forderte letzte Woche der kalifornische Kongress-Abgeordnete Darell Issa [Republikaner] in einem Brief an Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Issa hat dazu auch eine Unterschriftenkampagne im Kongress gestartet.
Issa sitzt für San Diego im Kongress, wo sich auch die Qualcomm-Zentrale, Entwickler der CDMA-Technologie, befindet.
Laut der "LA Times" hat Qualcomm hinter den Kulissen bereits mit der Lobbyarbeit für CDMA begonnen. Der US-Kongress debattiert heute über ein Milliarden-Paket für den Wiederaufbau im Irak.
Von einem GSM-Netz würden laut Issa nur europäische Mobilfunkausrüster profitieren.
Irak soll US-Handynetz erhaltenAuf Intervention des Weißen Hauses ist im US-Senat allerdings schon ein Antrag gestoppt worden, der Deutschland und Frankreich von US-Investionen in den Wiederaufbau Iraks ausschließen sollte.
Mehr dazu bei ORF.atGSM-Verband gibt sich korrekt
Auch die GSM-Association hat sich bereits in der Diskussion über den Standard des zukünftigen irakischen Mobilfunknetzes zu Wort gemeldet. Rob Conway, CEO der GSM Association, verurteilte in einem Statement die nationalistischen Untertöne in dem Brief des Issas.
Issa hatte in seinem Brief an Rumsfeld GSM als ausschließlich europäischen, im Speziellen französischen Standard dargestellt. Offensichtlich wollte der Kongressabgeordnete die zurzeit herrschende antifranzösische Stimmung ausnutzen.
"Die richtige Zeit, über die Technologie zu diskutieren, ist, wenn der Konflikt vorüber ist", erklärte Conway in seiner Aussendung. "Die Intervention des Abgeordneten Issa, die GSM als veralteten französischen Standard darstellt, kommt nicht nur zu einem schlechten Zeitpunkt, sondern ist auch falsch."
Darell IssaSchlechtes Timing für eine Nischentechnologie
Selbst in den USA wird das Lobbying für ein CDMA-Netz im Irak teilweise als unpassend empfunden.
Gartner-Analyst Philip Redman sieht die Ursache für das unsensible Vorgehen schlicht darin, dass Qualcomm angesichts sinkender CDMA-Marktanteile "Anzeichen der Verzweiflung" zeige.
Obwohl der Standard in den USA und Südkorea noch sehr stark sei, ist er laut Gartner auf dem Weg zu einem "Nischenprodukt".
Gartner geht von einem weltweiten CDMA-Marktanteil von derzeit 12,4 Prozent aus. GSM dominiert unterdessen mehr als zwei Drittel des Mobilfunkmarktes.
QualcommGSM dominiert Mittleren Osten
In der gesamten Region um den Irak dominiert derzeit GSM. Und in der im kurdischen Autonomiegebiet gelegenen Stadt Sulaymaniya [etwa 750.000 Einwohner] und ihrer Umgebung besteht bereits ein GSM-900-Netz, dessen Ausdehnung auf weitere Städte im Kurdengebiet geplant ist.
Für Bagdad hatte die irakische Regierung 1998 mit dem chinesischen Huawei-Konzern einen Vertrag über 28 Mio. USD für die Errichtung eines GSM-Netzwerkes für 25.000 User geschlossen.
Auf Grund amerikanischen Widerstandes gegen das Projekt ist bis 2001 kein Netz errichtet worden. Dann ist Huawei ohne offizielle Begründung aus dem Vertrag ausgestiegen.
