Wenn Web-Suche krank macht
Das Internet wird in medizinischen Fragen zunehmend zur Informationsquelle Nummer eins - mit potenziellen Nebenwirkungen: Cyberchondrie, die digitale Form der Hypochondrie, werde durch die klassische Web-Suche besonders gefördert, so eine neue Studie. Auch in Österreich ist "Dr. Google" beliebt.
Über die Hälfte der EU-Bürger bezieht medizinische Informationen aus dem Netz, Tendenz konstant steigend. Zu diesem Ergebnis kommt die von der EU geförderte Studie "E-Health Trends in Europe 2005-2007", für die von lokalen Universitäten und Instituten 14.965 Personen in sieben EU-Ländern befragt wurden.
Suchten 2005 noch 42,3 Prozent der in den sieben EU-Ländern (Dänemark, Deutschland, Griechenland, Lettland, Norwegen, Polen und Portugal) Befragten im Netz nach medizinischem Rat, waren es 2007 bereits 53,2 Prozent. Junge Frauen bis 30 sind demnach die aktivsten Nutzer medizinischer Online-Angebote.
Vertrauen steigt
Auch bei der Medizin im Netz wollen sich die Menschen laut Umfrage zunehmend aktiv beteiligen und nutzen dazu unter anderem Online-Foren, um mit Spezialisten in Kontakt zu treten.
Doch nicht nur die Nutzung steigt, auch das Vertrauen in die online gefundenen Informationen nimmt zu: Für fast die Hälfte aller Befragten (46,8 Prozent) ist das Internet mittlerweile eine wichtige Informationsquelle bei medizinischen Fragen, auch wenn der direkte Kontakt zum Arzt (73,8 Prozent) und zu Familie und Freunden (63,8 Prozent) noch wichtiger ist.
In Dänemark liegt das Internet hinter dem direkten Kontakt zum Arzt bereits an zweiter Stelle in der Rangliste vertrauenswürdiger Quellen.
Hypochondrie wird digital
Während der Trend zu mehr Informationsbeschaffung über das Internet auf den ersten Blick wenig überraschend wirkt, zeigt eine weitere Studie ein mögliches Problem dabei auf: Die Cyberchondrie, die digitale Form der Hypochondrie, werde durch die klassische Web-Suche gefördert, sagt die von Microsoft durchgeführte Studie.
Dazu wurden einerseits online verfügbare Informationen sowie anonymisierte Suchergebnisse aus dem eigenen Suchangebot ausgewertet, aber auch 515 Microsoft-Mitarbeiter zu ihrem Online-Suchverhalten befragt.
Die Microsoft-Forscher verstehen die Studie naturgemäß als Argumentationsgrundlage für ein eigenes dezidiertes medizinisches Angebot.
Wer etwa in einer normalen Online-Suchmaschine nach Kopfschmerzen suche, gelange deutlich schneller zu dramatisch klingenden Diagnosen, etwa einem Kopftumor als Verursacher, als auf dezidierten medizinischen Websites und Online-Angeboten, so die Forscher.
Die Online-Suche für eine Diagnose heranzuziehen und dabei den Inhalt der Suchergebnisse anhand ihrer Reihung zu werten könne dazu führen, dass normale Symptome zu Anzeichen einer womöglich tödlichen Krankheit uminterpretiert würden.
Dafür empfängliche Menschen würden mit zunehmender Angst um den eigenen Gesundheitszustand reagieren, vor allem jene, die wenig bis kein medizinisches Wissen mitbringen. Der Hypochonder werde auf Basis der digitalen Daten leicht zum Cyberchonder.
Trend auch in Österreich
Diese Beobachtungen kann auch Allgemeinmediziner Rolf Jens, Obmann der Sektion Allgemeinmediziner der Wiener Ärztekammer, auf Anfrage von ORF.at bestätigen. Die Patienten würden sich im Netz informieren und dann mit zehn Diagnosen zum Arzt kommen, der dann vor der Herausforderung stehe, ihnen womöglich alle Diagnosen wieder auszureden. "Das ist besonders schwierig, wenn man Infos entgegnen muss, die man selbst noch nie gehört hat."
"Das Internet wertet nicht gut"
Das Problem sei nämlich, dass der Nutzer nicht wisse, welche der gefundenen Informationen überhaupt relevant seien. Als Unkundiger könne der Patient nur schwer entscheiden, ob das, was er da gefunden habe, überhaupt stimmt: "Das Internet wertet nicht gut."
Allerdings, relativiert Jens, habe es das immer schon gegeben: Früher seien die Menschen mit einem medizinischen Wörterbuch gekommen, heute würden sie Google befragen. Dass die Menschen durch Internet-Suchmaschinen besser informiert seien, bezweifelt Jens jedoch - "sie fühlen sich besser informiert". Zum Hypochonder brauche es zudem eine gewisse Persönlichkeitsstruktur, egal ob analog oder digital.
Patienten werden mündiger
Im Fall einer Beschwerde würden sich die Patienten dann allerdings nicht so schnell mit Google als Informationsquelle outen, so der Sprecher der Wiener Patientanwaltschaft: "Die Leute, die zu uns kommen, legen ihre Quellen nicht offen. Wir fragen auch nicht."
Auch er sieht die zahlreichen Informationen aus dem Netz einerseits als Überforderung für die Patienten, gleichzeitig aber als Chance: "Die Patienten eigenen sich durch das Internet und die Informationen darin mehr Mündigkeit und Selbstbewusstsein an." Das zeige sich ebenso an der gestiegenen Zahl der Beschwerden beim Patientenanwalt. Es sei zudem auch durchaus denkbar, dass der Patient mit einer Diagnose ins Schwarze treffe.
Dem Arzt vertrauen - und zweite Meinung einholen
Es schade grundsätzlich nicht, sich im Internet zu informieren, doch die Diagnose eines Arztes könnten Google und Co. nicht ersetzen: "Es ist für einen medizinischen Laien schwierig, die Ergebnisse richtig zu filtern und zu bewerten." Auf Basis falscher oder falsch gewerteter Informationen könne es schließlich zu Verunsicherungen und Hypochondrie kommen.
"Wenn man Klarheit über seinen Körperzustand haben will, wird es wohl ohne Arzt nicht gehen", meint Allgemeinmedizinier Jens, und auch der Patientenanwalt erklärt: "Es führt nichts daran vorbei, dem Arzt zu vertrauen - und wenn das nicht geht, holen Sie sich eine zweite Meinung."
(futurezone/Nadja Igler)
