Ars-Electronica-Archiv als Forschungsobjekt
Das Archiv der Ars Electronica mit über 30.000 digitalen Kunstprojekten soll aufgearbeitet, neu kategorisiert und zugänglich gemacht werden.
Die Ars Electronica besteht seit 1979, der Prix Ars Electronica seit 1987. Zu den Gästen des Festivals zählten prominente Wissenschaftler, Computer-Pioniere und Künstler wie Marvin Minsky, Jean Baudrillard, Nam June Paik, Paul Virilio und John Lasseter.
In den vergangenen 26 Jahren sammelten sich im Archiv der Ars Electronica Dokumentationsmaterialien zu mehr als 30.000 digitalen und Medienkunstprojekten, die beim Festival gezeigt wurden, und künstlerische Arbeiten, die zum Prix eingereicht wurden, an.
Das Archiv bietet damit einen einzigartigen Querschnitt der digitalen Kunst und der Medienkunst und einen Überblick über die technologischen Entwicklungen elektronischer Medien des vergangenen Vierteljahrhunderts.
Forschungsinstitut für digitale Kunst
Zur Aufarbeitung dieser umfassenden Sammlung wurde vor einigen Monaten das neue Ludwig-Boltzmann-Institut Medien.Kunst.Forschung gegründet, das in Kürze offiziell seine Arbeit aufnehmen wird.
Das Institut soll innovative Forschung in der Entwicklung von Dokumentations-, Beschreibungs- und Aufbewahrungsstrategien für digitale Kunstwerke und Medienkunst leisten, so die Selbstbeschreibung.
Dieter Daniels, Professor für Kunstgeschichte und Medientheorie an der Akademie der Visuellen Künste in Leipzig, leitet das Ludwig-Boltzmann-Institut Medien.Kunst.Forschung, dessen Arbeit vorläufig auf sieben Jahre anberaumt ist. Die Forschungseinrichtung wird von einem Partnerkonsortium bestehend aus der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft, der Kunstuniversität Linz, der Ars Electronica und dem Lentos Kunstmuseum Linz getragen.
Forschungsschwerpunkte festlegen
Die Zusammenarbeit eines Festivals, eines Museums und einer Ausbildungseinrichtung ermögliche neue Ansätze für die Auseinandersetzung mit künstlerischen Entwicklungen in der Medienkunst, so Dieter Daniels.
Derzeit sind Dieter Daniels und sein Team dabei, die Bestände zu sichten, darauf aufbauend sollen in den kommenden Monaten die Forschungsschwerpunkte des neuen Instituts erarbeitet werden. Ein möglicher Schwerpunkt könnte das Thema Interaktivität sein, so Dieter Daniels. Interessant sei dabei, das Credo der Interaktivität in der Kunst in Relation zur Entwicklung interaktiver Alltagsmedien zu stellen.
Schwierige Kategorisierung
Ein wichtiger Aufgabenbereich des Ludwig-Boltzmann-Instituts Medien.Kunst.Forschung wird auf jeden Fall sein, sich mit der wissenschaftlichen Beschreibung digitaler Kunstwerke im kunsthistorischen Kontext zu beschäftigen.
Dafür wird es auch notwendig sein, irgendeine Art von Kategorien zu schaffen, die die Erforschung von Entwicklungen und Zusammenhängen möglich machen. Gerade im Bereich der digitalen Kunst sei das jedoch schwierig, so Dieter Daniels.
Deutlich wird das Problem bereits an den Kategorien des Prix Ars Electronica. Einerseits führten die technischen und künstlerischen Entwicklungen dazu, dass immer wieder neue Kategorien eingeführt wurden, wie Digital Communities und Net Vision. Andererseits wurde zum Beispiel die von Beginn an existierende Kategorie Computermusik 1999 auf Anregung des Jurymitgliedes Naut Humon in digital musics umbenannt, um dem medialen und kulturellen Wandel gerecht zu werden.
Wie erhalten?
Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Frage, wie digitale Kunst und Medienkunst für die Nachwelt erhalten werden kann. Durch den raschen technologischen Wandel bei Hardware und Software, Datenformaten, Speichermedien und Abspielgeräten können digitale Kunstwerke oft schon nach wenigen Jahren nicht oder nicht mehr zufriedenstellend vorgeführt werden.
Mit dem Problem der Konservierung und Restaurierung digitaler Kunst beschäftigen sich weltweit mehrere Institutionen, wie zum Beispiel die Fondation Daniel Langlois in Montreal in Kanada.
Künstler erklären Hintergründe
Mit dem Projekt "Variable Media-Network", das vor drei Jahren gemeinsam mit dem Guggenheim-Museum durchgeführt wurde, wurden Künstler gefragt, was an ihrem Kunstwerk entscheidend ist, woraus man darauf schließen können soll, in welcher Form es erhalten werden soll.
Alain Depocas, Leiter der Forschung und Dokumentation: "Diese Methode ermöglichte es uns, die Crux des Kunstwerkes zu verstehen, also das, was seine Authentizität ausmacht. Ist das entscheidende der Quellcode oder ist es der Computer in der Installation?"
Das Projekt habe zu teilweise überraschenden Ergebnissen geführt, so Alain Depocas. Bei manchen Kunstwerken hätten die Kunsthistoriker gedacht, dass die Installation wichtig sei, dabei war es dem Künstler nur um den Quellcode gegangen.
Bei anderen sei es dem Künstler nicht wichtig gewesen, wie die Vorgänge im Hintergrund ablaufen, sondern was sozusagen vor der Wand passiert. Solche Kunstwerke könne man problemlos mit neuen Technologien vorführen, ohne die Intention des Künstlers zu zerstören.
Archiv als Quelle für neue Arbeiten
Ein weiterer wichtiger Punkt, mit dem sich das Ludwig-Boltzmann-Institut Medien.Kunst.Forschung beschäftigen wird, ist die Frage des Zugangs. Welche Werke sollen und können in welcher Form der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden und wird es möglich sein, sie nach Vorbild des Creative Archive der BBC zur Weiterverwendung freizugeben?
Matt Locke, zuständig für Innovation bei der New Media Abteilung der BBC: "Die wissenschaftliche Aufarbeitung eines Archivs ist sehr wichtig, aber ein Archiv ist nicht nur für Wissenschaftler da. Es ist auch dazu da, um als Werkzeug für neue Verwendung zu dienen. Es sollte ein Ausgangspunkt, eine Art Sprungbrett für neue kreative Arbeiten sein."
Mehr dazu am Sonntag, 26. März 2006, um 22.30 Uhr im Ö1-Magazin "matrix".
(futurezone | Sonja Bettel)
