Das Gespenst der Beschleunigung
Seit dem Sommer geht ein neues Gespenst um in Europa. Man hört es nachts, wenn alles ruhig ist, als tiefes Brummen, hart an der Grenze des Hörbaren. Es ängstigt die Menschen, Schlaflosigkeit und Herzflimmern, Kopfschmerz und Nervosität sind die Folge.
Dass es sich um dieselben Symptome handelt, die andere durch "Strahlung" von Handymasten zu spüren vermeinen, ist kein Zufall. Schon immer, wenn eine mächtige neue Technologie auf Vormarsch war, mischte sich Angst in die Euphorie, während viel Geld in Bewegung geriet und die Finanzmärkte hysterisierte.
Die Schäden des Eisenbahn-Zeitalters
Als die Eisenbahn aufkam, sorgte man sich um mögliche Schäden am
menschlichen Körper durch die ungewohnte Geschwindigkeit. Keineswegs
dachte man daran, sich vor den kommenden Materialschlachten des
Ersten Weltkriegs zu fürchten, die ohne das Transportmittel
Eisenbahn undenkbar gewesen wären.
Das Brummen der Technik-ParanoiaDer Krieg und das Radio
Als danach weltweit Liebhaber begannen, eine im Kriege entwickelte Technologie zur Übertragung von Sprache und Musik für die Öffentlichkeit zu nützen, befürchtete man Anarchie und Zerfall. In Europa bemächtigten sich die Nationalstaaten des Broadcasting.
Das regulierte und verstaatlichte technologische Set-up Rundfunk übernahmen sodann Hitler, Mussolini und andere Dikatoren. Das Radio wurde wieder zu einem Apparat zur Befehlsweitergabe, diesmal aber totalitär, für die ganze Gesellschaft.
Von der parallel dazu entwickelten Atomtechnologie war wiederum schnell klar, dass man sie wegen ihrer ultimativen Wirkung in Kriegen eigentlich nicht einsetzen konnte. Vor der "zivilen" Nutzung der Atomkraft aber hat man sich freilich zu wenig gefürchtet und den "Experten" vertraut.
Technik-Paranoia tobt in DeutschlandSeit Tschernobyl fürchtet man Strahlen
Dieses Vertrauen ist seit Tschernobyl dahin, seitdem ist man auf der Hut vor unsichtbaren, tödlichen Strahlen. Hinweise auf die Realität - Handymast [40 Watt], Mikrowellenherd [800 Watt], Sender Bisamberg, der bis vor wenigen Jahren Tag und Nacht ein halbe Million Watt über Wien strahlte - helfen nichts.
Die Menschen lassen sich nicht vorschreiben, was sie an den neuen Technologien zu fürchten haben.
Diesen Sommer kam es in Zypern zu Straßenschlachten, als britische Militärs auf ihrem Stützpunkt eine zusätzliche Teleskopantenne aufstellen wollten. Diese soll als Teil des globalen Lauschsystems ECHELON die Telekommunikations-Satelliten im Nahen Osten überwachen. Protestiert wurde nicht gegen die tatsächlich bedrohte Privatsphäre, sondern gegen eine imaginäre Strahlungsbelastung.
Viele, die Nachts nicht schlafen können, spüren jene realen Vibrationen, die eine neue Kommunikationstechnologie konstant durch die Gesellschaft jagt. Das Gespenst der Beschleunigung geht um und es ängstigt die Menschen mit seinem Tempo.
Eine Printversion erschien in "I:Move"
