01.10.2001

TANTE JUTTA

Bildquelle: www.zazie.at

Das Gespenst der Beschleunigung

Seit dem Sommer geht ein neues Gespenst um in Europa. Man hört es nachts, wenn alles ruhig ist, als tiefes Brummen, hart an der Grenze des Hörbaren. Es ängstigt die Menschen, Schlaflosigkeit und Herzflimmern, Kopfschmerz und Nervosität sind die Folge.

Dass es sich um dieselben Symptome handelt, die andere durch "Strahlung" von Handymasten zu spüren vermeinen, ist kein Zufall. Schon immer, wenn eine mächtige neue Technologie auf Vormarsch war, mischte sich Angst in die Euphorie, während viel Geld in Bewegung geriet und die Finanzmärkte hysterisierte.

Der Krieg und das Radio

Als danach weltweit Liebhaber begannen, eine im Kriege entwickelte Technologie zur Übertragung von Sprache und Musik für die Öffentlichkeit zu nützen, befürchtete man Anarchie und Zerfall. In Europa bemächtigten sich die Nationalstaaten des Broadcasting.

Das regulierte und verstaatlichte technologische Set-up Rundfunk übernahmen sodann Hitler, Mussolini und andere Dikatoren. Das Radio wurde wieder zu einem Apparat zur Befehlsweitergabe, diesmal aber totalitär, für die ganze Gesellschaft.

Seit Tschernobyl fürchtet man Strahlen

Dieses Vertrauen ist seit Tschernobyl dahin, seitdem ist man auf der Hut vor unsichtbaren, tödlichen Strahlen. Hinweise auf die Realität - Handymast [40 Watt], Mikrowellenherd [800 Watt], Sender Bisamberg, der bis vor wenigen Jahren Tag und Nacht ein halbe Million Watt über Wien strahlte - helfen nichts.

Die Menschen lassen sich nicht vorschreiben, was sie an den neuen Technologien zu fürchten haben.

Diesen Sommer kam es in Zypern zu Straßenschlachten, als britische Militärs auf ihrem Stützpunkt eine zusätzliche Teleskopantenne aufstellen wollten. Diese soll als Teil des globalen Lauschsystems ECHELON die Telekommunikations-Satelliten im Nahen Osten überwachen. Protestiert wurde nicht gegen die tatsächlich bedrohte Privatsphäre, sondern gegen eine imaginäre Strahlungsbelastung.