Cybersex philosophisch betrachtet
Gestern ging in Lech am Arlberg das 5. Philosophicum Lech zu Ende, das sich in diesem Jahr dem Thema "Der listige Gott. Über die Zukunft des Eros" widmete.
Unter den Vortragenden war auch der Wiener Philosoph Wolfgang Pauser, der über "Cybersex" referierte. Pauser spannte in seinem Vortrag einen weiten thematischen Bogen von Plato
über "Teledildonics" bis hin zu "allen Arten von sexuellen Handlungen, in die ein Computer miteinbezogen ist, wobei die Tastatur entweder mit beiden Händen oder auch nur mit einer Hand bedient wird".
Die FuZo hat Pauser anschließend zum Interview gebeten.
FuZo: Lassen sich dem Thema "Cybersex" überhaupt philosophische Aspekte abgewinnen?
Pauser:
Schon Plato hat erzählt, wie Menschen, die in einer Höhle festgebunden sind und immer nur Schatten sehen, beginnen, diese Schatten für die Realität zu halten. Auf diese alte Fantasie geht letztlich auch William Gibsons Roman "Neuromancer" zurück, der den Begriff "Cyberspace" geprägt hat.
Die Frage, wie wirklich ist die Wirklichkeit, bewegt die Philosophie seit 2.000 Jahren. Könnte es sein, dass das, was wir für die Realität halten, nur ein Traum ist, aus dem wir plötzlich aufwachen könnten? Die Frage einer solchen Ununterscheidbarkeit ist aktuell geworden in der Debatte um die künstliche Intelligenz.
Der so genannte Turing-Test will herausfinden, unter welchen Bedingungen ein Roboter als Gesprächspartner nicht von einem Menschen unterscheidbar ist. Nun ist ja die menschliche Sex- und Liebeskommunikation nicht gerade von Differenziertheit gekennzeichnet - vielmehr ist Intimität ein Code, der die Komplexität extrem reduziert, man denke nur an "Schatzimausi, ich hab dich so so lieb" etc. Diese Art von Kommunikation ist durch Computer ganz besonders leicht simulierbar.
FuZo: Woher kommt der Begriff "Cybersex" und was versteht man eigentlich darunter?
Pauser:
Der Begriff Cyber kommt von Kybernetik, jener Wissenschaft von den Steuerungsprogrammen, auf denen die Theorie des radikalen Konstruktivismus basiert. Diese geht von der Annahme aus, dass alle Nervenreize, die das Gehirn erreichen, wie in einem Computer bloß aus zwei Zuständen, Ein- und Ausschaltung, null und eins bestehen.
Das Nervensystem wird in der Folge als digitale Maschine konzipiert. Daraus ergibt sich eine besondere Täuschbarkeit des Nervensystems durch Computer:
Wenn wir selber Computer sind, warum sollten wir nicht mit einem Computer hervorragenden Sex haben können? Wenn das Nervensystem eine Art Datenanzug ist, den wir unter der Haut tragen, ist es gleichsam ganz natürlich, wenn der optimale Sex der Zukunft in einem äußeren Datenanzug erlebt wird.
FuZo: Wie verändert sich die menschliche Sexualität durch den "Cybersex"? Steht am Ende der Entwicklung die totale Virtualisierung, d.h. die völlige Loslösung vom Körperlichen?
Pauser:
Die MIT-Professorin Sherry Turkle berichtet, dass es ihr selbst schon passiert ist, dass sie in einem MUD [Multi-User Dungeon] jemandem Avancen gemacht hat, der sich dann als Bot, als Sprachroboter, als Dialogprogramm herausgestellt hat. Wer sich einmal in einen Roboter verliebt hat, sieht den Computer mit anderen Augen an, meint Turkle.
Die totale Virtualisierung ist jedoch nicht zu erwarten, weil bisher noch keine erhoffte oder befürchtete Entwicklung zu etwas Totalem geführt hat. Neue Techniken und Angebote treten in der Regel nur nebeneinander. Generell ist es meine Erwartung, dass sich die Trennung Realität versus Computer auflösen wird, dass es neue Vermischungen, Einbettungen und Übergänge geben wird.
Es gibt keinen Cyberspace, das ist nur eine Raum-Metapher, die wir in die Blackbox hinter dem Bildschirm projizieren. Genauso gut könnte man vom "Erzähl-Raum" sprechen, der sich aus der Summe aller in der Literatur geschilderten Räume summiert. Oder vom "Literatur-Sex" als der Summe jener sexuellen Empfindungen und Handlungen, die von Sexliteratur ausgelöst wurden.
Zur Person
Wolfgang Pauser hat als Kunstkritiker begonnen und seine Methoden
auf die Alltagsdinge der Konsumwelt übertragen. Über die - scheinbar
- einfachsten Dinge wie Alufelgen, Müsliriegel und Turnschuhe
verfasst er philosophische Abhandlungen und ganze Bücher wie "Dr.
Pausers Autozubehör" und "Dr. Pausers Werbebewusstsein". Pauser
sieht sich als Alltagskulturforscher und Essayist und wurde vor
allem in Deutschland mit seinen regelmäßigen Kolumnen in der
Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" bekannt. Derzeit entwickelt er
eine Art virtuelles Museum im Internet, das als eine multimediale
Erweiterung des Essayismus angelegt ist.
Pausers Website5. Philosophicum Lech
"Der listige Gott. Über die Zukunft des Eros"
Lech am Arlberg, 13. - 16. September 2001
Philosophicum Lech
