13.09.2001

GEWALT RAUS

Bildquelle: 75ark/ORF ON

Multimedia-Industrie in der Defensive

Der Anschlag auf das WTC wurde auch von Augenzeugen immer wieder mit Hollywood-Filmen in Verbindung gebracht. Die "Traumfabrik" hat auch tatsächliche eine Vielzahl von Multimedia-Produktionen hervorgebracht, die an das Attentat erinnern oder es sogar vorwegnehmen.

Die Multimedia-Industrie reagiert auf die offenen oder versteckten Vorwürfe derzeit mit einer Strategie des Rückzugs.

Online-Games werden gestoppt, Filmstarts verschoben, TV-Programme geändert und Plattencover zurückgezogen.

Dieser passiven Phase dürfte in den nächsten Wochen allerdings eine heftige Diskussion über Schuld und Beeinflussung folgen, mit der die Spiele-Industrie regelmäßig nach Amokläufen konfrontiert wird.

"Majestic" ausgesetzt

Electronic Arts hat nach den Anschlägen das Online-Spiel "Majestic" ausgesetzt.

Die multimediale Spieldramaturgie von "Majestic" zieht alle Register medienübergreifender Interaktion: Die Spieler erhalten Faxsendungen, E-Mail-Nachrichten und Telefonanrufe. Letztlich muss jeder Spieler im Stil der Kultserie "Akte X" seinen Fall lösen.

The Coup sprengt Twin Towers nicht

Das Plattenlabel 75 Ark hat unterdessen die Veröffentlichung des Hip-Hop-Albums "Party Music" der Gruppe "The Coup" gestoppt.

Filmstarts verschoben

Nach den Terroranschlägen haben Hollywood-Studios den Kinostart mehrerer Filme verschoben.

Warner Bros. wird den Schwarzenegger-Film "Collateral Damage" nicht am 5. Oktober starten. Schwarzenegger spielt in dem Streifen einen Mann, dessen Frau und Kind ums Leben kommen, als Terroristen eine US-Botschaft bombardieren.

Auch der Disney-Film "Big Trouble" des Regisseurs Tim Allen, der eigentlich schon kommende Woche starten sollte, wird verschoben. In der Komödie kommt ein Koffer vor, in dem eine Bombe in ein Flugzeug geschmuggelt wird.

Sony Pictures stoppte einen Werbefilm für den im kommenden Mai startenden Film "Spider Man": Darin war eine Szene zu sehen, in der ein Hubschrauber in einem gigantischen Spinnennetz zwischen den beiden Türmen des World Trade Center gefangen ist.

Hollywood unter Schock

"Ich hätte ein Script mit entführten Flugzeugen und Kamikaze-Piloten, die in die Türme des World Trade Center rasen und das Pentagon attackieren, als zu unwahrscheinlichen Horror abgelehnt", sagte der deutsche Regisseur Wolfgang Petersen ["Air Force One"] der "Abendzeitung" in München. "Nun ist der wahr geworden. Unfassbar!"

Branchenkenner meinen allerdings schon jetzt, dass der Schock in einem halben Jahr verdaut sein könnte.

Und um ein neues Feindbild auf der Leinwand wird sich Hollywood auf jeden Fall "nicht sorgen müssen" [dpa]: Zu allem entschlossene Terroristen haben seit Ende des Kalten Krieges den Ostblock als Bösewicht im Action-Genre abgelöst.

Rückblickend erscheint es fast, als hätten Autoren und Regisseure der Traumfabrik die konkrete Bedrohung präziser vorhergesehen als Militärs und Geheimdienste.

TV-Programme geändert

Auch die Programme sämtlicher TV-Sender gehen auf Distanz zu allen Sendungen, die an die Anschläge erinnern könnten. Die für Donnerstag in ORF2 geplante "Universum"-Dokumentation "Turmbau zu Babel" wird verschoben. Die Serie "Chaos City" wird ab Montag aus dem Programm genommen. Bei Pro Sieben entfallen der für Freitag um 20.15 Uhr angesetzte Katastrophenfilm "Das große Inferno" und der Actionfilm "Katastrophenflug 243", der für Sonntag um 20.15 Uhr vorgesehen war. VOX wird den für Freitag angesetzten Katastrophenfilm "Erdbeben in New York" durch den Spielfilm "Generation X" ersetzen.